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SWR4 Abendgedanken

17SEP2021
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Sie ist so etwas wie ein weiblicher Superstar des Mittelalters: Hildegard von Bingen. Zu ihrer Zeit im 12. Jahrhundert ist sie vieles gewesen: Klosterfrau, Dichterin, Komponistin, Ärztin, Seelsorgerin. Die deutsche Benediktinerin ist eine ausgezeichnete Theologin, deren Gedanken neue Maßstäbe gesetzt haben. 2012 ist sie von Papst Benedikt zur Kirchenlehrerin erhoben worden.

Der 17. September, also heute, ist ihr Gedenktag.

Hildegard von Bingen gilt als eine der bedeutendsten Frauen der Geschichte.

Heute wird sie häufig werbewirksam als esoterische Kochbuchautorin und Erfinderin sanfter Heilmethoden vermarktet. Aber tatsächlich ist sie eine Universalgelehrte. Sie hat zwei Klöster gegründet. Das ist für eine Frau im 12. Jahrhundert außergewöhnlich gewesen. Sie hat drei umfangreiche theologische Schriften hinterlassen, aber auch geistliche, philosophische, musikalische und naturkundliche Werke.

Hildegard hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass sie ihr Kloster auf besonders „menschenfreundliche“ Weise geführt hat: Sie hat darauf geachtet, dass es den ihr anvertrauten Schwestern gut geht, dass sie sich gesund ernähren und sich nicht über die Maßen selbst kasteien, wie dies in anderen Klöstern der Fall gewesen ist. Sie hat sich um Kranke und anderweitig Leidende gekümmert. Sie hatte ein ganzheitliches Verständnis von Biologie und Medizin.

Hildegards religiöse und politische Bedeutung beruht vor allem auf ihren Visionen – und darauf, dass diese schon früh Anerkennung der offiziellen Kirche gefunden haben. Sie selbst hat sich gern als „ungebildet“ bezeichnet. Aber weil sie sich für ihre theologischen Aussagen immer wieder auf Visionen berufen hat, hat sie diese gegen die damals herrschende Lehrmeinung der Kirchenmänner abgesichert. Der Meinung, dass Frauen nicht zu theologischen Erkenntnissen in der Lage seien.

Ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten hat sie zu einem leuchtenden Vorbild für Frauen gemacht. Wahrscheinlich wäre sie als erste Feministin bezeichnet worden, wenn es dieses Wort schon damals gegeben hätte.

Hildegard hat sich selbst „Posaune Gottes“ genannt. Und ich finde, das trifft es gut: die Posaune, ein Instrument, das Gottes Werke dankbar preist. Wobei das Preisen bei Hildegard auch darin besteht, die Schöpfung und ihre Geheimnisse erfahren zu wollen. Was sich in diesem wunderbaren Satz von ihr zeigt: „Und wo im Menschen die Frage nicht ist, da ist auch nicht die Antwort des Heiligen Geistes“.

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