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SWR4 Abendgedanken

15SEP2021
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„Du kannst doch nicht nur von Luft und Liebe leben!“

Sicher gut gemeint, aber auch irgendwie überflüssig, dieser Hinweis, wenn Menschen zusammen essen und eine Person nur wenig Appetit zu haben scheint. Natürlich weiß jeder, dass wir nicht nur von „Luft und Liebe“ leben, sondern von Brot und einem Dach über dem Kopf.

Aber könnte es nicht guttun, etwas mehr davon zu erleben, wie es ist, „von Luft und Liebe“ zu leben? Wenn ich den alten Schöpfungsmythos lese, ganz am Anfang der Bibel, so erfahre ich: Gott haucht dem Adam, dem ersten Menschenwesen, seinen Atem ein. So wird der Mensch zu einem „lebendigen Wesen“.

Dass der Atem zwar zu mir aber nicht mir gehört, erfahre ich in jedem Augenblick. Denn ich kann ihn nicht festhalten, ich kann mir auch keinen Vorrat anlegen. Wie in einer Litanei, einer ständigen Wiederholung, muss ich Luft holen. Es ist also wie eine „unablässige Luftlitanei“. die durch mich hindurchgeht, der Atem allen Lebens.

Die Dichterin Rose Ausländer lässt die Luft selbst sprechen:

Die Luft sagt

ich bin Luft

Alles was atmet

atmet mich ein und aus

gehört mir

Ich gehöre

Euch eine Weile.

„Alles was atmet“, das erinnert mich an den letzten Vers des Psalms 150 im Alten Testament der Bibel: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“, heißt es dort. Von der Luft zu leben, die mich durchströmt, das kann der Ursprung allen Gotteslobs sein. Loben als das Urwissen davon, dass Wolken, Luft und Winde kein Besitz sind, sondern unendlich kostbare, kostenlose Erfahrung.

Der Psalm führt viele Instrumente zum Loben auf: Posaunen, Pauken und Zimbeln. Nicht jeder versteht sich darauf. Aber der Atem, die „unablässige Luftlitanei“, ist immer da. Wenn wir es nur zu schätzen wüssten!

Ich bin sehr froh, dass durch umweltbewusstes Handeln und ökologische Maßnahmen die Luft schon viel sauberer geworden ist. Und ich bin überzeugt davon, dass da noch mehr geht. Meine Art zu handeln soll jeden Tag dazu beitragen.

Denn: Ohne Luft können wir nicht leben.

„Alles, was atmet, lobe den Herrn“.

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