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SWR4 Abendgedanken

14SEP2021
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Jeden Freitag um 15.00 Uhr: In dem Ort, in dem ich wohne, läuten die großen Glocken. Und in vielen anderen Kirchen auch. Der Glockenschlag zu dieser Stunde erinnert an die Todesstunde Jesu, an sein Sterben am Kreuz.

Kreuze zieren so manchen Berggipfel. An vielen Wegen stehen Feldkreuze. Andere tragen das Kreuz an einer kleinen Kette um den Hals.

In meinem Büro habe ich auch ein Kreuz hängen. Vor ihm halte ich meine Gebetszeiten.

Manchmal frage ich mich, wievielen Menschen wohl die Bedeutung des Kreuzes noch bewusst ist. Oder ob es für manche nicht auch so eine Art religiöser Einrichtungsgegenstand geworden ist oder eine wirkungslose Selbstverständlichkeit, ein Schmuckstück? Dabei ist es doch das grausamste Instrument gewesen, mit dem einem Verurteilten das Leben genommen wurde. Von daher ist es schon auch nachzuvollziehen, dass manche Menschen nichts mit diesem Zeichen anfangen können oder es gar ablehnen.

In den Kirchen feiern wir heute, am 14. September, das Fest des Kreuzes. Es geht darauf zurück, dass die Kaiserin Helena im Jahr 325 das Kreuz Christi wiedergefunden haben soll. Erst danach wurde es zum Symbol der Christen. Für mich ist das Kreuz ein hoffnungsvolles Zeichen. Ich glaube, dass Jesus mich durch sein Leiden am Kreuz und durch seinen Tod erlöst hat. Gleichzeitig ist es für mich auch eine Erinnerung, das Leid in der Welt nicht aus dem Blick zu verlieren. Und da gibt es viel Leid. Da denke ich an die fürchterlichen Überschwemmungen vor ein paar Wochen. Viele Menschen dort wissen immer noch nicht, wie es weitergehen kann. Ich bin dankbar für die vielen Menschen, die dorthin gefahren sind und geholfen haben.

Ich denke auch an die Corona-Pandemie, die immer noch nicht überwunden ist. Die Pflegekräfte in den Krankenhäusern sind nach wie vor im Einsatz, besonders auf den Intensivstationen. Und fast täglich müssen sie erleben, dass sie manchmal doch nicht helfen können. Sehr erschüttert hat mich der Bericht einer jungen Frau, die in den letzten 16 Monaten ihren Vater, einen Freund und auch noch ihre Mutter durch Corona verloren hat.

Da bleibt mir jedes Wort im Hals stecken. Das, was ich in diesen Momenten nur tun kann, ist da sein, zuhören, die Hand halten, auch miteinander schweigen und weinen, die Sprachlosigkeit und die Verzweiflung miteinander aushalten. Und auch ein Gebet sprechen.

Wenn ich dann zu Hause bin, setze ich mich vor mein Kreuz im Büro und halte Jesus meine leeren Hände hin. Und meistens spüre ich dann, dass ich neue Kraft finde im stillen Sitzen vor dem Kreuz. Heute auch.

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