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Anstöße sonn- und feiertags

12SEP2021
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Als Studentin habe ich in einer Wohngemeinschaft in einer unsanierten Altbauwohnung gewohnt. Wenn in unserem Bad das Radio lief, konnte ich mir nicht gleichzeitig die Haare föhnen. Sonst flog die Sicherung raus. Das System war für so viel Stromverbrauch nicht gemacht.

In Zeiten der weltweiten Pandemie muss ich öfter an unseren alten Sicherungskasten denken. Ich finde: Die menschliche Psyche hat ein bisschen was von so einem Sicherungskasten. Auch sie ist beschränkt in dem, was sie verarbeiten kann.

Aber heutzutage prasseln die Informationen über Naturkatastrophen, Pandemien, kriegerische Auseinandersetzungen und menschliche Tragödien weltweit auf die Menschen ein. Die digitalen Medien liefern die Berichte von überall auf der Welt in Echtzeit. Ich merke, wie mein emotionaler Sicherungskasten immer schneller überlastet wird. Meine psychosoziale Hardware ist dafür nicht gemacht. 

Dennoch klingen Ansprüche in meinen Ohren: Wenn du nicht zeitgleich über die Flutkatastrophen und Feuerausbrüche in Europa, über die Taliban in Afghanistan und die Erdbeben in der Karibik informiert bist, bist du ignorant und herzlos. Aber wenn ich alles menschliche Leid an mich heranlasse, fühle ich mich erdrückt und überfordert.

Dann kommt mir der alte Sicherungskasten wieder in den Sinn. Was ich von ihm lerne: Ich kann nicht alles aufnehmen, und ich kann auch nicht überall dabei sein. Meine Aufnahmefähigkeit ist begrenzt. Das ist keine moralische Frage, sondern eine mathematische Tatsache. Sie macht mich demütig und schützt mich vor Größenwahn und Überforderung.

Auch Jesus ist in seiner Zeit von Dorf zu Dorf gegangen und hat nur so viele Menschen angehört, wie er an einem Tag vertragen konnte. Schritt für Schritt und Tag für Tag. So ist er mit seinen Leuten durch Galiläa gezogen. Und manchmal hat er sich auch ganz zurückgezogen und musste für sich alleine sein.

Diesen inneren Schutzraum möchte ich mir auch nehmen. Damit mein emotionaler Sicherungskasten noch eine Weile hält.

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