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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15SEP2021
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Der Abend hatte so gut angefangen. Ein Restaurantgutschein über hundert Euro wartete auf seine Einlösung. Ihn auszugeben war überhaupt kein Problem! Die böse Überraschung kam dann mit der Rechnung. Das Restaurant war vor kurzem in Konkurs gegangen, und der neue Inhaber wollte den Gutschein nicht mehr akzeptieren. Und das, obwohl das Restaurant immer noch denselben Namen trug. Das Layout des Gutscheins war völlig identisch mit den neuen Gutscheinen auf der aktuellen Homepage. Alles Argumentieren half nichts. Also habe ich am Ende das Essen mit der Kreditkarte bezahlt.

Mein Gutschein wurde offenbar von den Ereignissen überholt. Das, wofür er stand, existierte nicht mehr. Das erlebe ich zurzeit in vielen Zusammenhängen: Ich kann nicht mehr davon ausgehen, dass morgen noch gültig ist, was heute selbstverständlich scheint. Bei vielen Menschen macht sich ein Gefühl der Verunsicherung breit. Selbst Firmen mit jahrzehntelanger Tradition müssen aufgrund von Corona ihre Mitarbeiter entlassen. Wie soll ich für mein Alter vorsorgen, wenn es zu einer hochkomplizierten Angelegenheit wird, Erspartes sinnvoll anzulegen, weil es keine Zinsen mehr gibt? Menschen, die ihr Leben lang für ihr Häuschen gespart haben, müssen zusehen, wie es von Flutwellen mitgerissen wird. Wie soll man vertrauensvoll sein gegenwärtiges Leben gestalten, wenn die Hoffnung in die Zukunft verlorengeht? Auf was kann man sich dann überhaupt noch verlassen?

Ein Obstbauer im Kraichgau brachte mich kürzlich ins Nachdenken. Bei einer Führung auf seinem Hof erzählte er, wie unsicher für ihn und die gesamte Branche der Anbau geworden sei. Zum Beispiel seien an die Stelle einer durchgängigen Winterperiode in den letzten Jahren mehrere kurze Wechsel von Frost und milden Temperaturen getreten. Das führe zu einem verfrühten Austreiben der Bäume und anschließend zum Erfrieren der jungen Triebe. Aber dann sagte er etwas Bemerkenswertes darüber, wie er damit umgeht: „Wir müssen wieder viel mehr unsere Abhängigkeit von der Natur ernst nehmen und begreifen, wie angewiesen wir auf Gottes Treue sind.“ Er war offensichtlich ein Mensch, der bewusst aus dem Glauben heraus sein Leben und seinen Betrieb führte. Am Ende zitierte er noch ein uraltes Versprechen Gottes aus der Bibel: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Gen 8,22). – Ich war beeindruckt und dachte: Was für ein Schatz ist es, sich mit diesem Grundvertrauen im Rücken den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können.

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