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SWR2 Wort zum Tag

17AUG2021
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Ich bin beruflich und persönlich mit den Land Äthiopien verbunden und jetzt, wenn dieser Beitrag gesendet wird, bin ich auch gerade wieder hier in diesem Land am Horn von Afrika. Leider muss man sich dieser Tage große Sorgen um Äthiopien und seine Menschen machen. Die Gefahr ist groß, dass es den gleichen Weg geht wie einst der Vielvölkerstaat Jugoslawien. Dass auch hier Identitäten sehr viel höher gehängt werden, als der Wille, friedlich zusammen zu leben und dem nachzugehen, was man Gemeinwohl nennt. Im Norden Äthiopien hat diese ethnische Abgrenzung schon zu einem schrecklichen Krieg geführt. Er wächst sich gerade zu einem Bürgerkrieg aus, der immer mehr Milizen-Gruppen hineinzieht und immer mehr dazu führt, dass Menschen sich voneinander abgrenzen, sich gegenseitig hassen.

Ich erinnere mich an meine Besuche in der alten Königsstadt Aksum in der letzten Zeit. Nach alter Überlieferung ist dort die Bundeslade Israels aufbewahrt. Die Kronen der äthiopischen Kaiser habe ich dort bewundert und Stelen, die von ungeheurer kultureller Fertigkeit und einem großen geschichtlichen Erbe zeugen. Und nun musste ich erfahren, dass dort im Zuge einer brutalen Eroberung die Straßen voller Leichen lagen.
Wie ist das zu erklären innerhalb so kurzer Zeit? Die Suche nach Identität zeigt sich einmal mehr als vergiftete Suche. Nicht als tröstende Heimat, sondern als Grund „die Anderen“ entweder nicht als Menschen oder als minderwertige Menschen zu betrachten. Im Äthiopien ist dies gerade zu beobachten, aber es gibt so viele andere Beispiele auf allen Kontinenten, die zeigen, wie daraus unglaubliche Brutalität werden kann und jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ist der Glaube eine Hilfe, diese Raserei aufzuhalten? Sollten Christen nicht aufgrund der Lehre ihrer Religion weniger geneigt sein, zu hassen und zu töten? Leider scheint die Geschichte nicht dafür zu sprechen, dass dem so wäre….

In Äthiopien, in Ex-Jugoslawien und überall gilt: Wenn Christsein nichts dazu beizutragen hat, wie das friedliche Zusammenleben gelingen kann, dann kann man diese Religiosität vergessen! Mein Glaube hat etwas damit zu tun, dass unsere erste und wichtigste Identität das Menschsein ist. Daraus erwächst, dass jeder andere Mensch ebenso wie ich ein Geschöpf Gottes ist. Es kann nicht sein, dass das Christsein an den Haken gehängt und die Kampfmontur angezogen wird. Ich denke, dass es Jesus darum ging, genau diese Logik zu durchbrechen, die uns hassen und eskalieren lässt. Er sagte das in einem eigentlich naiv und töricht wirkendenden Satz, aber er sagte es sehr bewusst: „Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.“

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