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SWR2 Wort zum Tag

16AUG2021
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Kürzlich bin ich 50 geworden und wie das dann so ist: ich kam ins Nachdenken über das, was in dem halben Jahrhundert so alles mit mir passiert ist. Und natürlich auch, was da wohl noch kommen mag.

Da ist zunächst einmal ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für das schöne und gute, interessante und spannende, das mir in diesen fünf Jahrzehnten widerfahren ist. Und ich frage mich das, was viele andere gläubige Menschen auch umtreibt: wieviel davon habe ich Gott zu verdanken und was ist mein eigener Beitrag dazu, wenn es gut geworden ist?

Umgekehrt geht es genauso, also bei den belastenden und schmerzhaften Dingen. Meine Eltern sind beide in den letzten Jahren viel zu jung verstorben. Das war schwer und oft auch sehr tragisch. Hätte Gott das verhindern können und habe ich vielleicht nicht genug dafür gebetet, dass es gut wird?

Ich wohne ganz in der Nähe der Ahr und der Erft und auch dort gibt es viele, die durch die Flutkatastrophe einen geliebten Menschen verloren haben, zumindest aber Hab und Gut haben wegschwimmen sehen. Sie werden sich diese Frage vielleicht auch stellen? Ich frage mich: wenn ich an ihrer Stelle wäre, wie würde ich dann Gottes Rolle in meinem Leben sehen?

Wenn ich meinen Glauben behalten und an diesen Fragen nicht irrewerden möchte, bleibt mir nur, diese Ungewissheit anzunehmen: Gott ist da in meinem Leben, aber ich weiß nicht genau wie und an welchen Stellen, weder in den leidvollen Momenten noch in Zeiten, an denen es gut läuft. Glauben heißt für mich dankbar sein zu können, zu beten und zu bitten, trotz der offenen Fragen und des offenen Ausgangs. Und wenn es nötig ist, heißt es auch mit Gott zu hadern und ihm mein Leid zu klagen.

In diesem Sinn wird er für mich immer mehr und vornehmlich zu einer Haltung, die wichtiger ist als einzelne Inhalte. Es ist eine Haltung des Beschenktwerdens und des Verneigens davor, dass ich nicht alles machen und herstellen kann. Ich bin nicht alleine Herr über mein Schicksal, meine Erfolge und Rückschläge. Ob das vielleicht nicht ein bisschen ungenau ist? Ist das zu wenig, um wirklich zu begründen, warum ich als gläubiger Mensch durchs Leben gehe?

Kann schon sein, aber da spielen dann wieder meine fünf durchlebten Jahrzehnte mit hinein. Ich muss nicht mehr krampfhaft genau wissen, wie Glauben und Leben geht. Ich kann jetzt eher Widersprüche integrieren und mit Unsicherheiten leben. Der Glaube ist mir dabei ein Geschenk und das darf gerne noch viele Jahre so bleiben.

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