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SWR2 Wort zum Tag

02SEP2021
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Nächste Woche geht’s wieder los. Nach meinem Sommerurlaub beginnt am kommenden Montag wieder der Arbeitsalltag. Schaue ich in meinen Kalender, dann merke ich schnell, dass der Herbst ziemlich voll wird. Viele Termine und Projekte stehen an. Daher habe ich mir so gut es gegangen ist, bewusst zwischen den einzelnen Termin Zeitfenster freigehalten, um nicht von einer Sache in die nächste zu stürzen. Aber ich fürchte, diese ruhigeren Zwischenphasen werden sich schneller füllen als mir lieb ist. Das ist irgendwie immer so.

Ein Blick in die Bibel zeigt mir, dass es Jesus und seine Jüngern ganz ähnlich gegangen ist. Nachdem Jesus seine Jünger zu den Menschen ausgesandt hatte, kommen sie zurück. Sie erzählen ihm alles, was sie erlebt haben. Aber sie sind nicht alleine, sondern ständig kommen und gehen Menschen, die etwas von ihnen wollen. Deshalb schlägt Jesus vor, gemeinsam mit dem Boot an einen einsamen Ort zu fahren, um sich dort auszuruhen. Das Dumme ist nur, die Leute bekommen das mit und laufen zu Fuß dorthin. Als das Boot ankommt, sind sie schon da.

Kurz vor der Sommerpause habe ich mich mit einigen Kollegen über diesen Text unterhalten. Ich habe die Jünger und Jesus bedauert, worauf mein Kollege meinte: „Aber sie hatten zum Glück ja noch die Bootsfahrt. Wenn die anderen Menschen zu Fuß schneller dort waren als sie mit dem Boot, dann muss die Bootsfahrt doch etwas gedauert haben.“ Er hat Recht, darauf bin noch nie gekommen: Sie hatten die gemeinsame Zeit im Boot und ich hoffe, sie haben sie genutzt.

Ich frage mich, wann sie gemerkt haben, dass der Plan mit dem einsamen Ort nicht funktioniert, und wie sie dann darauf reagiert haben. Sind sie ärgerlich geworden, weil sie wussten, was sie erwartet? Oder sind sie gelassen geblieben und haben gerade darum die Zeit besonders intensiv genutzt; haben weiter in aller Ruhe miteinander geredet oder sich einfach nur ausgeruht? Es wäre schön, wenn ihnen das damals gelungen wäre.

Ich habe den Verdacht, dass mir diese „Zeit im Boot“ nicht nur in der biblischen Geschichte entgangen ist. Solche geschenkten Zwischenzeiten entgehen mir vermutlich auch immer wieder in echt. Entweder weil ich sie im Trubel und Stress einfach übersehe. Oder weil es mir nicht gelingt, sie wirklich zu genießen, weil ich mit meinen Gedanken schon bei dem bin, was mich am „andern Ufer“ erwartet.

Aber vielleicht gelingt es mir ab jetzt: beim Kaffee, den ich in Ruhe mit der Kollegin trinke, in den zehn Minuten bis zum nächsten Telefontermin, in denen ich einfach mal nichts tue oder auf Weg zum Bahnhof, bei dem ich die frische Luft einatme und die Sonnenstrahlen oder den Regen auf meiner Haut spüre. Bootszeiten aufspüren und sie genießen.

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