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SWR4 Sonntagsgedanken

15AUG2021
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Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren gab es für die Menschen in Berlin an einem Sonntagmorgen ein böses Erwachen. Am 13. August 1961, in den frühen Morgenstunden wurde quer durch Berlin die Mauer gebaut. 28 Jahre lang zementierte sie die Teilung der Welt in Ost und West.

Besonders eingebrannt haben sich die Bilder aus der Bernauer Straße. Hier lief die Grenze entlang der Häuserfront. Die Bewohner der Straße wurden aus dem Schlaf gerissen, ihre Fenster Richtung Westberlin einfach zugemauert. Mich berühren die Bilder von den Menschen, die sich im letzten Moment aus den Fenstern an Leintüchern abgeseilt haben.

In der Bernauer Straße stand auch die Versöhnungskirche. Der Großteil ihrer Gemeinde lebte im Westteil der Stadt. Doch von einem Tag auf den anderen war den Menschen der Weg versperrt. Zugemauert im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre eigene Kirche stand zum Greifen nah – und war doch so weit entfernt als würde sie auf einem anderen Kontinent stehen. Wenigstens die Gemeindeglieder aus dem Osten konnten noch drei Wochen lang Gottesdienst feiern.

Dann wurde die Versöhnungskirche auch von der anderen Seite zugemauert. Auch der Pfarrer mit seiner Familie musste das Pfarrhaus verlassen. Doch kurz vorher ist Jörg Hildebrandt, der Sohn des Pfarrers noch einmal auf den Turm geklettert, hoch zur Uhr über den Glocken. Er hat die Zeiger angehalten und hat sie auf 5 vor 12 gestellt.

Es ist 5 vor 12, so die Botschaft der großen Kirchturmuhr, weit sichtbar für alle Menschen in Ost und West.  „Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren.“ – „Vergesst uns nicht.“

Das DDR-Regime meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Er liege im Sterben, und sie bräuchten nur noch die Kirchentüren zuzumauern und ihn endgültig begraben. Aber so leicht ging das nicht – das haben die Machthaber schnell gemerkt. Irgendwann haben sie die Zeiger wieder verstellt. Von 5 vor 12 auf 12 Uhr.

Über 20 Jahre lang stand die Versöhnungskirche auf dem Todesstreifen. Zugemauert wie ein Grab. Aber so leicht war sie nicht tot zu kriegen. Ihr hoher Turm ragte über die Mauer und noch wichtiger: er ragte in den Himmel. „Kirchtürme sind Finger Gottes“ – hat der Schriftsteller Marcel Proust einmal gesagt.

Ein Kirchturm als sichtbarer Fingerzeig Gottes, der die Absurdität der Berliner Mauer deutlich machte. Für die Regierung der DDR war das ein Dorn im Auge und wurde irgendwann unerträglich. 1985 ließen sie die Kirche sprengen.

Gegen die Macht von Mauern hilft manchmal schon der Blick auf Türme, die über die Mauern hinausragen. Nach dem Bau der Berliner Mauer vor genau 60 Jahren war das der Blick auf den Turm der Versöhnungskirche mit den gestoppten Zeigern – auf 5 vor 12.

Das Regime der DDR meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Der Magdeburger Bischof sprach davon, dass der Sozialismus der Kirche wohl nur noch ein „Sterbezimmer“ zugedacht hatte. Aber, so hat er angefügt: „Das sollten wir nicht tragisch nehmen, sondern in dieses uns zugedachte Sterbezimmer die Frischluft der Auferstehung blasen.“

Von der Frischluft der Auferstehung spricht auch Paulus im Brief an die Gemeinde in Ephesus. Er erinnert die Gemeinde an das, was sie trägt. „Gott ist reich an Barmherzigkeit. Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht...“, schreibt Paulus. Und er macht auch unsere Hoffnung lebendig – so wie die Hoffnung des Pfarrersohnes von der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße. Sein Kirchturm war für ihn das Zeichen der lebendigen Hoffnung! Es gibt noch etwas anderes als die Trennung!

Das spricht mich an. Gottes Liebe setzt Zeichen in meinem Leben. Für alle Zukunft soll sichtbar sein, dass ich zum Leben bestimmt bin – egal, welche Mauern andere um mich errichten. Die Frischluft der Auferstehung bläst durch mein Leben.

Heute steht auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin wieder eine kleine Kirche, die Kapelle der Versöhnung. In ihr läuten die geretteten Glocken der Versöhnungskirche. Sie ist durchlässig gebaut, aus Holz und mit Durchblick nach draußen – auf den Streifen, auf dem längst niemand mehr um sein Leben fürchten muss.

Heute feiern sie dort wieder Gottesdienste – Menschen aus Ost und West und Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Sie erinnern an die Toten der Mauer und an die Toten vor den Toren Europas. Gegen die Macht der Mauer öffnen sie den Horizont für die Frischluft der Auferstehung.

Mich richtet das heute morgen auf. Dass Gott in mein Leben immer wieder frischen Wind bläst. Ein sichtbares und spürbares Zeichen gegen alles und alle, die mich einmauern und zum Schweigen bringen wollen. Der Geist der Freiheit, der auch die Mauer zum Einsturz gebracht hat, die sie vor 60 Jahren in Berlin errichtet haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen belebenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33642