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Anstöße sonn- und feiertags

15AUG2021
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„Sing nochmal das Lied." So hat mich eines unserer Kinder begrüßt, als ich zum Gute Nacht sagen gekommen bin. Ich bin ziemlich erstaunt gewesen. Schon lange stand das abendliche Vorsing-Ritual bei meinen mittlerweile pubertierenden Kindern nicht mehr hoch im Kurs. Aber jetzt das: „Sing: Der Mond ist aufgegangen“.

Das ist unser allabendliches Gute-Nacht Lied gewesen, als sie noch viel jünger waren.  Bevor ich den Moment zerreden konnte, habe ich lieber gleich angefangen zu singen. Und es ging, als hätte ich den Text des Liedes gerade auswendig gelernt, oder gestern zuletzt gesungen: Die Situation, die Vertrautheit des Rituals gaben mir die Worte in den Kopf und von dort auf die Zunge. So ist das mit lange geübten Ritualen: sie schreiben sich irgendwie im Körper ein.

Heute hätte der Dichter des Liedes, Matthias Claudius Geburtstag. Vor fast 300 Jahren ist er zur Welt gekommen. Für mich hat er sich mit „Der Mond ist aufgegangen“ unsterblich gemacht. Sein Lied erinnert mich daran: Es gibt mehr auf der Welt als das, was wir sehen und messen können. „Sehr ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehn.“ So heißt es im Text des Liedes. Mir ist gerade diese dritte Strophe besonders wichtig. Auch für meine Kinder. Sie sollen wissen: es ist gut, über das, was wir sehen, hinauszublicken und hinauszudenken. Nach dem Singen, haben wir uns dann noch die Zeit genommen über das zu sprechen, was gerade auf der Seele liegt und dann konnte der Schlaf kommen.

Für meine Kinder ist dieses Abendritual mit der Zeit wohl ein wertvoller Erinnerungsanker auf dem Weg zum Erwachsenwerden geworden. Aber auch für mich ist das immer ein besonderer Moment der Nähe und des Austauschs gewesen. Etwas das man schlecht in Worte fassen kann. Ich kann es nicht sehen oder messen, aber fühlen kann ich es. Ich bin dankbar für dieses Abendritual, an das wir auch heute noch anknüpfen können. Und ich bin dankbar, dass Matthias Claudius so einfache und doch so schöne Worte für das gefunden hat, was wir immer wieder fühlen können:  Die Welt ist mehr, als dass was wir vor Augen haben.  

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