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SWR3 Gedanken

14AUG2021
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„Ach, Sie sind die Tochter“, begrüßt sie mich, „ich bin die neue Nachbarin“. Wir stehen vor der Tür meiner Mutter im Senioren-Wohnheim. Vor kurzem ist sie dort eingezogen. „Jetzt trinken wir einen Sekt auf Ihren Einzug, das Leben ist so schön“, sagt die Dame unter korrekt frisiertem Silbergrau.

„Raten Sie mal, wie alt ich bin“, sie zückt kokett den Schlüssel zu ihrem Appartement und schiebt uns mitsamt ihrem Rollator hinein. „Ja, das rätst du nicht“, sagt meine Mama. Ich komme ohnehin nicht zum Raten. Die beiden betrachten sofort silbergerahmte Fotos. „Einen Sohn, paar Enkel und einen Urenkel hab ich. Aber jetzt bin ich doch hier gelandet.“

Ihre kirschgeschminkten Lippen lächeln leicht zerknittert. „Ah, ich wollte was anbieten“, sie läuft zum Kleiderschrank, stutzt, „nun suche ich schon hier den Schnaps“; sie findet ihn in der Anrichte. Wir trinken statt Sekt Marillenartiges. Sie taucht währenddessen in Erinnerungen und in ein Leben, das weit weg scheint.

„Irgendwann bin ich umgefallen und im Kopf fällt auch mal was um“, lacht sie schließlich. „Ihr Kopf sitzt aber noch stolz oben“, sage ich. „Ja, mit 20 hatt’ ich schon gern die Haare schön und ein Friseursparkonto. Das klingt albern, aber ich hab immer Wert auf mich gelegt.“ Ich lächle und denke, so schön kann man den Begriff „Würde“ umschreiben.

„Sie wird 92“, verrät meine Mama. „Ja, ich glaube, so etwa“, sagt die Nachbarin unsicher, „ich vergesse ja vieles, aber mir reicht, was ich weiß und ich sag Ihnen: Wir könnten hier viel meckern, aber wir können es auch lassen“. Die Beiden kichern wie junge Mädchen. Als wir gehen, werde ich ermahnt: „Kommen Sie wieder zum Sekt. Und vergessen Sie nicht, das Leben ist verdammt schön.“ Wie könnte ich das vergessen.

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