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SWR2 Wort zum Tag

29JUL2021
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An der Schwelle einer neuen Lebensphase zu stehen, das ist nicht ohne.
Was war gut, was nicht? Sind meine Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung gegangen?

Mir ist beim Nachdenken ein Satz von Dietrich Bonhoeffer nahegekommen, dem evangelischen Theologen, der in den Widerstand gegangen ist: 1944, im März, hat er in einem Brief aus dem Gefängnis der Nazis geschrieben: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ (Widerstand und Ergebung 19.3.1944)

Das finde ich ermutigend. Wenn jemand das aus dem Gefängnis sagen kann, dann vielleicht ich auch. Er hat ja unerfüllte Wünsche: frei zu sein, dass das Naziregime stürzt. Was hilft ihm trotzdem, zu sagen: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“?

Anscheinend hat ‚erfülltes Leben‘ für ihn damit zu tun, ob man sich darauf einlässt, was das Leben jetzt und hier ausmacht. Wenn man sich daraus wegwünscht, wird es schwerer, zu leben, was nötig und möglich ist.

Noch etwas: Bonhoeffer sagt erfülltes „Leben“, als ginge es um das große Ganze. Aber dabei schaut er zuerst auf Tag heute. Ich lese mal ein paar Sätze im Kontext:
„…In meiner jetzigen Umgebung (also im Gefängnis) finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind, sie hören nicht mehr und sind unfähig für Nächstenliebe. Ich denke,“ schreibt er weiter, „auch hier muss man leben, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz der sein  , der man ist.“

Wenn ich das übersetze, könnte das heißen:
„Erfüllend“ ist, wenn ich da bin, in dem was ich heute tue und erlebe. Bei den Menschen, denen ich heute begegne. Wenn ich eine Aufgabe habe: Dass ich sie erfülle, vielleicht sogar gern und gut. Insofern ist erfüllt leben etwas für jeden Tag. Nicht erst das große Fazit am Ende. Das kann entlasten. Weil ich das jeden Tag neu üben kann. Auch wenn gestern nicht so erfüllt war. Jetzt ist ein neuer Tag.

Noch etwas: Versucht Bonhoeffer, uns Wünsche abzugewöhnen? Nein. Wenige Sätze weiter hat er geschrieben: „Wunschlosigkeit ist Armut.“ Er hat große Wünsche, private und politische. Und hat gesagt: „Ich glaube mehr denn je, dass wir auch der Erfüllung unserer Wünsche entgegengehen und uns keineswegs der Resignation hinzugeben haben.“ Vielleicht ist erfüllt leben beides: Heute ganz da sein und wagemutig über den Tag hinaus wünschen. Auch Großes, das für mich unerfüllt bleiben wird.

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