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SWR4 Abendgedanken

22JUL2021
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Maria Magdalena. Sie ist die Erste, der Jesus nach seinem Tod begegnet ist. Sie hat die Botschaft in Umlauf gebracht: Jesus ist auferstanden, er lebt! Heute ist der Namenstag von Maria Magdalena.

Was mich an der Erzählung über die Begegnung der beiden am Ostermorgen am meisten fasziniert: Maria Magdalena erkennt Jesus an seiner Stimme. Sie erkennt ihn nicht, als sie ihn sieht. Erst, als er sie anspricht. Als er sie beim Namen ruft. Maria Magdalena ist in jenem Augenblick wie vom Blitz getroffen als sie versteht: „Er meint tatsächlich mich!“ Das hat sie gespürt. So wie sie es immer gespürt hat, wenn Jesus mit ihr gesprochen hat.

So wie es alle gespürt haben, denen er begegnet ist. Kinder, Männer, Frauen.

Das ist eine Spezialität von Jesus. Genau den Menschen zu meinen, dem er jetzt, in diesem Moment gegenübersteht. Das wird deutlich an der Art und Weise, wie Jesus auf Menschen zugeht. Er fragt sie: „Was soll ich Dir tun?“ Er will etwas erfahren darüber, wie es ihnen geht, über ihre Lebenssituation. Er hört ihnen zu, wenn sie Antwort geben. Er blickt sie an. Und er signalisiert ihnen: Du, mit genau dieser einzigartigen Lebensgeschichte, Dich sehe ich und so nehme ich Dich.

Maria Magdalena war für Jesus eine Gefährtin auf Augenhöhe. Das war etwas Besonderes in dieser von Männern beherrschten Zeit; denn damals hatten Frauen und Kinder nichts zu sagen. Mit Maria Magdalena wurde eine Frau Zeugin dafür, dass Jesus auferstanden ist. Und das in einer Gesellschaft, die das Zeugnis von Frauen nicht ernst genommen hat. Das ist für mich kein Zufall. Sondern Jesus hat ganz bewusst vorgelebt, dass es in Gottes Reich auf der Erde gleichberechtigt zwischen Frauen und Männern zugehen muss. Schon jetzt.

Umso unglaublicher finde ich deshalb, was Kirchenmänner in den folgenden Jahrhunderten aus Maria Magdalena gemacht haben: Es hat ihnen nicht gepasst, dass es eine Frau auf Augenhöhe mit Jesus gab. Weil sie damit ein Störfaktor im System der Männer war. Deshalb hat man ihr ein „Schmuddel-Image“ verpasst. Sie wurde zur Prostituierten gemacht, zur erotisch angehauchten Sünderin. Heute ist längst nachgewiesen, dass das so nicht stimmt. Mehr noch: Papst Franziskus hat die Rolle Maria Magdalenas erkannt und gestärkt: Er hat sie vor fünf Jahren zur „Apostelin der Apostel“ gemacht und hat ihren Namenstag zum Festtag erhoben.

Das ist doch ein wunderbarer Beginn des Christentums! Maria Magdalena und Jesus. Gemeinsam unterwegs, Seite an Seite. Sie haben sich sehr geschätzt und fühlten sich einander tief verbunden. Sie kümmerten sich umeinander und blieben sich nahe, bis zum Tod. Und darüber hinaus. Der Anfang des Christentums könnte uns keine bessere Perspektive eröffnen!

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