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SWR4 Abendgedanken

19JUL2021
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Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, die faszinieren mich: Ein Architekt will Häuserfassaden in einem ganzen Stadtviertel bepflanzen, weil es dem Klima hilft. Leute planen ein altes Industriegebäude so umzubauen, dass sie darin gemeinsam gut alt werden können. Ich bin begeistert, wenn ich höre, dass Ärzte mit Hilfe von neuer Technik Krankheiten schneller und sicherer erkennen können.

Diese Zukunftsgeschichten tun mir gut. Sie motivieren mich, das Leben um mich herum mitzugestalten. Ich glaube, dass wir mehr Visionen oder zumindest Perspektiven brauchen, nicht nur für eine Zeit nach Corona. Jeder für sich, aber auch wir als ganze Gesellschaft. Weil Visionen der Anfang von allem sind, ein Anfang, um etwas zu verändern. Und weil Visionen Gemeinschaft stiften.

Denn die Idee davon, dass tatsächlich etwas Neues möglich ist, setzt Energie frei. Zwei Beispiele gefallen mir gerade besonders: Fridays for future – die Klima-Bewegung der jungen Generation. Das Bild einer Erde vor Augen, die keinen Hunger kennt und deren Eisberge nicht schmelzen. Das hat Hunderttausende auf der ganzen Welt aufgerüttelt. Diese Vision hat die einen dazu gebracht, zu protestieren und die anderen, darüber nachzudenken, wie jeder selbst nachhaltig leben kann. Auch die katholische Reformbewegung Maria 2.0 ist ein solches Beispiel: Die gemeinsame Vision einer Kirche, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, gibt vielen Menschen, vor allem Frauen, Energie und Hoffnung. Sie haben mit Protesten und Aktionen erreicht, dass Priester und Bischöfe sich mittlerweile mit dem Thema intensiv auseinandersetzen. 

Die Bibel weiß, wie entscheidend eine gemeinsame Vision ist; deswegen ist sie voll von Hoffnungsbildern. In der Geschichte des Volkes Israel hat eines einen besonderen Platz: Nur mit der Kraft der Vision ist den Israeliten damals der Weg fort aus der Sklaverei in Ägypten gelungen. Mose hatte ihnen vom gelobten Land erzählt, in dem Milch und Honig fließen. Mit diesen Bildern im Kopf haben sie fast Unmenschliches geschafft; sie sind 40 Jahre unterwegs gewesen.

Auch in der Gegenwart liegt eine Chance. Und deshalb ist es jetzt gut zu fragen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie sieht eine Kirche der Zukunft aus? Wovon träumen wir? Damit das wahr werden kann, was der ehemalige brasilianische Erzbischof, Dom Helder Camara, einst gesagt hat. Er hat in den 60er und 70er Jahren für Menschenrechte und gegen die Armut in Brasilien gekämpft. Und wusste darum, dass es ein gutes Bild von der Zukunft braucht, damit viele sich anstecken lassen und anpacken: „Wenn einer alleine träumt, bleibt es ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, dann ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“

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