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SWR2 Wort zum Tag

20JUL2021
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„Ach, wie sollen wir die kleine Rose buchen? / Plötzlich dunkelrot und jung und nah? /Ach, wir kamen nicht sie zu besuchen/Aber als wir kamen, war sie da.“  Bert Brechts Gedicht gibt zu denken. Da-sein ist nicht zu buchen und zu verrechnen, im Innehalten ist reines Erstaunen.  Dass diese erste Strophe sogar mit einem „Ach“ beginnt, verrät die völlige Überraschung. Mitten im ganz normalen Alltag taucht diese kleine Rose auf, und schon ist es vorbei mit dem üblichen Berechnen und Verrechnen. Schmerzhaft schön ist diese Unterbrechung.  Und die zweite Strophe führt dieses Staunen weiter.

„Eh sie da war, ward sie nicht erwartet. /Als sie da war, ward sie kaum geglaubt. /Ach, zum Ziele kam, was nie gestartet. /Aber war es so nicht überhaupt?“  Völlig betroffen von der kleinen Rose, geht das lyrische Ich ins Grundsätzliche, und das staunend und nicht zufällig mit einer offenen Frage.  Ist es nicht immer so, dass wir von erfreulichen Überraschungen leben?  Solange wir bloß im Kreis unserer eigenen Vorstellungen, Pläne und Erwartungen leben, bleiben wir letztlich im Spiegelsaal unserer selbst. Erst wo Neues, Anderes auf uns zukommt, wird der letztlich doch geschlossene Teufelskreis des schon Bekannten durchbrochen. Und alles ist im Lot und am Ziel, für einen Moment wenigstens. Hier ist es eine kleine Rose.

Bert Brecht liegt krank in der Berliner Charité, und da hats ihm eine junge Krankenschwester angetan.  Erneut hat ihn der Liebespfeil getroffen, überraschend, unerwartet und natürlich hinreißend. Und sofort öffnet sich der Raum des Unverdienbaren, des Geschenkten. Da ist nichts zu machen, da brauchts nicht geplant oder geschafft werden. Die Begegnung mit der Schwester ist voller Überraschung, die Liebe ist da – einfach so, ohne warum und wieso. „Aber war es so nicht überhaupt?“

Nichts ist näher am Geheimnis dessen, den wir Gott nennen, wie dieser Raum der Absichtslosigkeit. Denn dieser Gott ist schenkende Liebe, und sonst nichts. Ach, wenn ich‘s doch glauben könnte.

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