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SWR2 Wort zum Tag

19JUL2021
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Letztens bin ich früh in der Nacht aufgewacht und fand keinen Schlaf mehr. Kurz entschlossen fuhr ich hinaus in die Weinberge, es war kurz vor Sonnenaufgang. Ganz eigentümlich das Licht, herausdämmernd aus dem Dunkel noch und irgendwie voller Wachstum.  Alles war noch ganz still und voller Erwartung. Die Rebstöcke, der Erdboden, auch der Himmel über mir - wie in Bereitschaft für das, was da im Kommen ist.  Als würde alles sich irgendwie öffnen und gespannt sein, gespannt auf den Sonnensprung am Horizont und langsam dann über den Dingen. Eine fast feierliche Atmosphäre, die mich in Bann schlug.

Ich musste an einen Satz von Simone Weil denken: „so leben lernen wie die Dinge das Morgenlicht erwarten“. Also nicht immer gleich etwas tun oder wenigstens planen oder vorstellen – nein nur da sein, geduldig, aufmerksam, hellwach und gespannt. „Attente“ nennt das die französische Denkerin, auch „attention“. Also Achtung und Beachtung. Für Simone Weil ist diese Aufmerksamkeit nicht etwas Anstrengendes oder Aufgesetztes, ganz im Gegenteil. Nichts liegt uns näher als das, denn alles will uns irgendwie ansprechen.  Selbst wenn ich sage: „das geht mich nichts an“, reagiere ich ja schon.  Achtsam werden also für das, was ist. Dieser neue Tag, was wird er bringen? Wie offen und überraschungsfreudig beginne ich ihn? Ist er schon ganz verplant, meine ich schon zu wissen, was mich erwartet? Oder lasse ich ihn wirklich kommen. Mag auch noch so viel im Kalender oder auf dem Programm stehen, die Einstellung ist entscheidend. Und da können wir Menschen viel von den Dingen lernen. Die Rebstöcke und der Erdboden – sie sind einfach da, in einer merkwürdigen Gelassenheit und Geduld; sie lassen es kommen und geschehen, und daran dann wirken siekräftig mit.

Kein Wunder, dass die Erfahrenen in allen Kulturen so etwas wie ein Morgengebet empfehlen. Mindestens einen langen Atemzug innehalten und staunend nur da sein. Ist es nicht jeden Morgen total überraschend, dass ich tatsächlich wieder die Augen aufmachen darf? Und der Atem fließt von allein, und immer noch ist genug Luft da. Dann könnte ich auch von Gott sprechen, und zu ihm: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“.

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