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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22JUL2021
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„Oh nein, wenn das jetzt unsere Mutter noch hören könnte!“ – „Opa würde sich im Grab umdrehen!“ – „Was dein Onkel dazu gesagt hätte, ist doch völlig klar!“ So wird manchmal von verstorbenen Angehörigen geredet. Gerade bei Diskussionen in der Familie ist es verführerisch, den toten Onkel oder die Mutter auf die eigene Seite zu ziehen. Aber nicht immer ist das hilfreich.

Auch in der Bibel passiert das. In der Erzählung von Josef und seinen Brüdern [vgl. 1. Mose 37 – 50].  Josef bringt seine Brüder mit seiner arroganten Art zur Weißglut. Deshalb tun sie etwas Ungeheuerliches, sie verschachern Josef an einen Menschenhändler nach Ägypten. Ihren Vater lassen sie glauben, Josef sei ums Leben gekommen. Doch Josef überlebt und macht sogar Karriere. Viele Jahre später begegnen sich die Geschwister wieder. Es kommt zur großen Versöhnung, alles scheint geklärt.

Doch dann stirbt der Vater. Und Josefs Brüder bekommen es mit der Angst zu tun. Ob Josef ihnen wirklich endgültig vergeben hat? Vielleicht zahlt er es ihnen jetzt nach dem Tod des Vaters doch noch heim!

Um das zu verhindern, lassen die Brüder Josef eine Nachricht ausrichten: „Dein Vater hat uns vor seinem Tod aufgetragen, dir zu sagen: ‚Vergib deinen Brüdern das Unrecht und ihre Schuld! Ja, sie haben dir Böses angetan. Nun vergib ihnen dieses Unrecht. Sie dienen doch dem Gott deines Vaters!‘‘

Ob der verstorbene Vater das wirklich so gesagt oder gewollt hat, bleibt offen. Und selbst wenn — was die Brüder da machen, hat einen faden Beigeschmack, finde ich: Es geht ihnen gar nicht um den Willen des Vaters. Sie benutzen ihn nur, um ihre Haut zu retten – ganz egoistisch. Und sie setzen ihren Bruder damit unter Druck – der soll jetzt gefälligst mit den Schatten der Vergangenheit abschließen. Vergebung kann man aber nicht erzwingen. Die muss aus dem eigenen Herzen kommen, sonst ist sie nichts wert.

Josef weint über die Aufforderung seiner Brüder, erzählt die Bibel. Er scheint zu spüren, was da im Argen liegt. Und in seiner Antwort macht er den Geschwistern klar: Es geht hier nicht um den verstorbenen Vater oder dessen Sicht der Dinge. Die Vergangenheit muss man jetzt nicht krampfhaft zurechtbiegen. Wie es gemeinsam weitergeht, muss sich anders entscheiden, hier und jetzt.

Das auszusprechen, ist für Josef wichtig. Und er sieht dann: Eigentlich ist es doch Gott, der die Geschichte seiner Familie in der Hand hat. „Gott hat es zum Guten gewendet“ , sagt er. Erst so wird Vergebung möglich. Zusammen kann es jetzt gut weitergehen. Und womöglich ist ja genau das auch im Sinn des verstorbenen Vaters.

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