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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19JUL2021
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„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ So lautet ein bekanntes Sprichwort. Klar, was damit gemeint ist: Der Morgen oder der Mittag können noch so gut laufen – aber wer weiß schon, ob der Tag bis zum Schluss so schön bleibt. Oder, übertragen gedacht: Ein Vorhaben mag gut anfangen. Doch bevor es nicht abgeschlossen ist, sollte ich mich mit meiner Begeisterung zurückhalten. Die Sache kann ja doch noch schlecht ausgehen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben – ich kann diese Haltung schon verstehen: Wenn ich auf schnelles Lob verzichte, erspare ich mir womöglich Enttäuschung. Lieber erwarte ich nicht zu viel, um nicht doch noch böse überrascht zu werden. Vielleicht ist das ja vernünftig.

Aber irgendwie finde ich es auch schade. Soll ich mich wirklich innerlich bremsen, wenn etwas gut läuft? Kommt mir da nicht vor lauter Vernunft die Begeisterung abhanden? Das klingt nicht sehr verlockend für mich. In schönen Momenten will ich mich auch drüber freuen! Das geht doch nur, wenn ich mich ganz darauf einlasse. Und nicht im Hinterkopf habe, was alles noch dazwischenkommen könnte.

… und vielleicht ist das ja doch nicht so vernünftig wie zunächst gedacht: Denn, das ist eine psychologische Grunderfahrung – ob etwas am Ende gelingt, das hängt ja auch mit an meiner Haltung. Wenn ich immer auf das starre, was noch schiefgehen könnte – gut möglich, dass es dann auch so kommt. Wenn ich mir die dunklen Seiten eines Tages ausmale, dann erlebe ich sie vielleicht auch. Oder wenn ich mit dem negativen Ausgang einer Sache rechne, dann führe ich genau den vielleicht schon selbst herbei.

„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“ – so heißt ein altes Kirchenlied [EG 451]. Da wacht jemand frühmorgens auf – und lobt vor allem anderen zuerst mal den neuen Tag! Weil der ein neues Stück geschenkte Lebenszeit ist. Ein Geschenk Gottes. An diesem Tag kann man auf Gottes Begleitung vertrauen.

Den Tag schon am Morgen loben, weit vor dem Abend – dieses Motto gefällt mir. Da bekommt der begonnene Tag, die angefangene Sache sozusagen Vertrauensvorschuss. Und ich glaube: Aus dieser Einstellung heraus lebe ich dann auch anders. Zuversichtlicher, gelassener.

Natürlich kann mir auch so immer noch Unangenehmes passieren. Aber das fügt sich ein in einen Tag, der mir trotz allem geschenkt ist, in eine Sache, die gut begonnen hat. Und dann kann ja auch wieder Schönes kommen.

Den Tag vor dem Abend loben, schon am Morgen – vielleicht geht das ja mit einem fröhlichen Lied unter der Dusche. Oder mit einem langen Blick hoch in den Himmel. Oder mit einem persönlichen Gebet an Gott. Machen Sie mit?

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