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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19JUL2021
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„Du jetzt auch?“ Die Freundin verdreht die Augen, als sie mein Hoch-Beet sieht. Ja, ich weiß: Es ist gerade sehr in, so ein Hoch-Beet. So wie das Gärtnern überhaupt grad schwer angesagt ist. Und manche machen sich schon drüber lustig: Sie rechnen einem vor, dass man sich für den Preis eines Hoch-Beetes jahrelang von Gemüse ernähren könnte, ganz ohne auch nur den Finger zu rühren... - Also, was macht das für einen Sinn?

Nun, es gibt doch auch so was wie ein Grundrecht auf Sinnlosigkeit, finden Sie nicht? – Einfach Spaß an der Freud haben... Aber freilich geht es noch um mehr. Es geht um Hingabe. Und Liebe. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Schließlich bin ich seit dem Frühjahr stolze Hoch-Beet-Besitzerin. Und aus Liebe kann man bekanntlich die verrücktesten Dinge machen: Manche versuchen, Pflanzen zu züchten, die es hier eigentlich gar nicht gibt. Andere sind seit 20 Jahren auf der Suche nach der perfekten Tomate. Und ich habe mein Herz an die Wildbienen verloren. Da steht schon eine ganze Reihenhaussiedlung an Bienenhotels bei uns rum...

Nebenbei ist Gärtnern für mich aber auch ein wundervoller Akt des Größenwahns: Weil ich mir wie der Schöpfer höchst selbst vorkomme, wenn ich den Samen in die Erde lege; und beobachte, was daraus wird.

Und gleichzeitig werde ich auch ganz demütig: Weil ich immer wieder erfahre - es liegt überhaupt nicht in meiner Macht, ob der Samen aufgeht und Früchte trägt. Aber wenn es gelingt: was für eine Freude, als ich am Ende tatsächlich die erste rote Beete in den Händen gehalten habe, aus eigener Ernte.

Und wenn all das nicht fruchtet, dann macht im Garten selbst die Sinnlosigkeit noch einen Sinn. Weil sie etwas deutlich macht: Eine kluge Frau hat es so beschrieben: „Was immer man in den Garten senkt, man pflanzt das Morgen.“ Denn die Zukunft ist im Garten immer gegenwärtig. Alles, was wir pflanzen, tun wir in der Hoffnung auf ein künftiges Gelingen. Und das ist, glaube ich, ganz allgemein ein guter Blick auf diese Welt.

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