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SWR2 Wort zum Tag

07JUL2021
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Mein Freund Fabi war als Bundeswehrsoldat im Auslandseinsatz in Mali. Zusammen mit seinen Kameraden ist er regelmäßig Patrouille gefahren. Bei diesen Fahrten liefen sie immer Gefahr, in Feuergefechte oder Sprengfallen zu geraten. „Nein“ sagt Fabi, „Angst habe ich nicht vor diesen Fahrten gehabt, höchstens davor, einen Fehler zu machen, durch den einer meiner Kameraden verletzt oder getötet werden könnte.“

Nach seiner Rückkehr ist er dann einmal mit seiner Freundin aneinandergeraten. Sie hatte ihm erzählt, dass sie vor irgendeiner anstehenden Aufgabe Angst hat. Er hat sie gefragt, ob es denn tödlich enden könne? Wenn nicht, dann solle sie doch entspannt sein. Sie hat diesen Rat nicht sehr hilfreich gefunden, sondern verletzend und war dementsprechend sauer auf ihn. Zu Recht, wie ich finde.

Auch wenn es bei Fabis Freundin ein ganz anderer Kontext war, weitaus weniger lebensgefährlich, dann handelt es sich im Kern doch um die gleiche Angst. Die Angst, den eigenen Ansprüchen oder den Ansprüchen anderer nicht zu genügen, die Angst zu versagen. Die Gründe für diese Angst mögen für Außenstehende manchmal lächerlich wirken, für einen selbst fühlt sich die Situation trotzdem bedrohlich an. Ich glaube, das liegt daran, weil ich mich selbst als Person dabei in Frage stelle.

Ich kenne solche „lächerlichen“ Ängste, die für andere nicht nachvollziehbar sind. Oft verstecken sie sich in ganz alltäglichen Dingen: wenn ich eine komplizierte Mail schreiben muss, ein unangenehme Gespräch führen soll oder eine unerledigte Aufgabe vor mir herschiebe, weil mir noch eine gute Lösung fehlt.

Das sind scheinbar kleine Probleme, aber in ihnen versteckt sich immer wieder die große Angst, nicht gut genug zu sein. Diese Angst zu entlarven, zu erkennen, was sie ist, kann vielleicht ein erster Schritt sein, sie zu überwinden. Die Band „Ton, Steine, Scherben“ singt in einem ihrer Lieder: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Angst“. Ich setze dagegen: Natürlich haben wir etwas zu verlieren, aber in vielen Situationen vermutlich viel weniger als wir denken, außer eben unsere Angst.

Seit dem Gespräch mit Fabi über seinen Bundeswehreinsatz sage ich tatsächlich manchmal zu mir selbst: „Entspann dich mal, bei dem, was dir gerade Angst macht, geht es nicht um Leben und Tod. Hier entscheidet sich nicht, ob dein Leben gelingt. Wage es, etwas zu tun und vertraue, dass es gelingt. Und vergiss nicht, auch wenn du scheiterst, davon geht die Welt nicht unter.“

Und wenn es mir gelingt, in diesen Situationen meine Angst zu überwinden, dann wächst mit jedem Mal auch das Zutrauen in mich selbst. Vielleicht ist das wie ein Training für die entscheidenden Situationen, in denen tatsächlich etwas auf dem Spiel steht. Ein Training, das mich stärkt, um der Angst etwas entgegensetzen zu können.

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