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SWR2 Wort zum Tag

09JUL2021
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Sonnenblumen sind faszinierend. Sie richten sich den ganzen Tag nach der Sonne. Das hat mit der Energie der Sonne zu tun, die sie brauchen und nützen.

Die Sonnenblume macht mir da etwas vor, was ich auch auf mich übertragen kann. Denn ich habe den Eindruck, dass ich es viel zu oft noch anders mache und mich eher an dem ausrichte, was mir nicht guttut. Dabei ist es so wichtig, dass ich das suche und nütze, was mir guttut und Energie gibt.

Ich muss nach einer schweren Erkrankung regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen. Wenn der Zeitpunkt näher rückt, mache ich mir oft viele Sorgen, ob alles in Ordnung ist. Aber wenn ich mir die Alternative klar mache, weiß ich, dass mir die Kontrolluntersuchungen mehr nützen. Wenn sich nämlich wirklich etwas verschlimmert hat und ich nicht hingehe, wird sich das langfristig zeigen und ich habe nichts davon. Wenn ich aber hingehe und es ist schlechter, können die Ärzte handeln und mich vor schlimmeren Folgen schützen. Und wenn es gar nicht schlimmer geworden ist, habe ich wieder ein bisschen mehr Sicherheit gewonnen. So oder so. Ich habe unterm Strich mehr an Lebensenergie gewonnen.

Psychologen sagen, dass das so ähnlich auch für die Entwicklung von Kompetenzen gilt. Die Studien zeigen, dass persönliche Defizite nur minimal und mit größtem Aufwand verbessert werden können. Wenn aber einer daran arbeitet,  was er kann, noch zu verstärken, dann strahlt das aus. Es wirkt sich sogar auf die Bereiche positiv aus, wo die persönlichen Mängel liegen. Auch das funktioniert also wie bei der Sonnenblume. Die Orientierung an dem, was Kraft gibt, wirkt. Leider erlebe ich bei der Arbeit oft das Gegenteil. Ich habe mit einer Kollegin über ihre Arbeit gesprochen. Sie hat voller Selbstzweifel vor allem das gesehen, was sie nicht richtig macht und damit gehadert. Auch wenn ihre Selbstkritik teilweise berechtigt war, habe ich gespürt, wie es ihr die Kraft und die Motivation nimmt, sich zu verändern. Ich habe ihr daraufhin gesagt, was ich an ihrer Arbeit schätze und wo ich sie im guten Sinne routiniert und professionell erlebe und wie das auf die anderen ausstrahlt. Und ich habe unmittelbar gesehen, wie das ihre Haltung verändert hat und die Motivation, mit Freude an die Arbeit zu gehen.

Manchmal ist offensichtlich das Banale und Naheliegende das, was mir hilft, wo ich zu kompliziert denke. Dabei kann es so klug sein, wenn ich das Schlichte sehe und darauf meine Kraft setze. Das mag ich auch an der Bergpredigt, wo Jesus sagt: „Macht es wie die Blumen auf dem Feld. Sie säen nicht und sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ (nach Mt 6,25ff).

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