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SWR2 Wort zum Tag

10JUN2021
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Mindestens eines ist an der Corona-Geschichte erfreulich: es treibt uns mehr ins Grüne.  Die Gartenarbeit, der Waldspaziergang, der Ausflug ins Freie – es tut gut, dass zur Natur weit mehr gehört als ansteckende Viren und gefährliche Erreger. Hildegard von Bingen sprach deshalb von der Grünkraft in allen Dingen und empfahl dringend, darauf zu achten – in jedem Sonnenaufgang, in jeder Blüte, in jedem Baum. Das Klima draußen und das im eigenen Inneren hängen spürbar zusammen. Immens ist die Trostkraft der Natur.

Schauen wir z.B. auf den großen Dag Hammarskjöld, der vor 60 Jahren starb – tragisch herausgerissen aus seiner globalen Friedensarbeit. Als UNO-Generalsekretär arbeitete er wie besessen an der Völkerverständigung. Zur Entspannung aber zog er sich am liebsten in seine schwedische Heimat zurück, hoch in den Norden nach Lappland. Sein Tagebuch, dieses große Dokument zeitgemässer Spiritualität, ist durchzogen von Naturbetrachtungen. Bei den Wanderungen im Gebirge fand er etwas von dem Frieden, den er in sich suchte und für den er politisch kämpfte.

Im letzten Eintrag vor dem tödlichen Unfall heißt es, und es liest sich wie ein Vermächtnis: „Ich erwachte – von der dunkelblauen Nacht / über der Baumgrenze / mit Mondschein auf der Heide, die Spitzen der Berge noch im Schatten…: zweimal war ich auf den Kämmen, / ich wohnte am innersten See / und folgte dem Strom, / zu den Quellen…Und ich beginne die Karte zu kennen, die Himmelsrichtungen.“ Das Eintauchen in die Natur schenkte ihm Frieden. Mehr noch: in der Ordnung der Dinge fand er die Gegenwart göttlicher Güte.  Der innerste See im Gebirge wird zum Inbild seiner selbst - und die Suche nach den Quellen im Lebensstrom, wer kennte sie nicht. Schon ein Waldspaziergang kann einen wieder ins Lot bringen.   „Und ich beginne die Karte zu kennen“ und die Landschaft des eigenen Lebens zu lesen, und wortwörtlich die Himmelsrichtungen. Beneidenswert:  Der Mann hat inneren Frieden gefunden, und er weiß, wozu er da ist.

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