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SWR2 Wort zum Tag

07JUN2021
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„Mich durchschwebt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen, die in Wort und Tat stets im Gebet sind, die im heiligen Willen leben“   - so notierte sich Dag Hammarskjöld.  Es ist wie ein Lebensprogramm, das er dann als Generalsekretär der UNO zu verwirklichen suchte. Sein Tagebuch ist eine unglaubliche Quelle der Inspiration, täglich finde ich neue Impulse darin.

Ein früherer Bundeskanzler hat gesagt, wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen. Hammarskjöld hätte Helmut Schmidt zugestimmt.  Aber er meinte mit Visionen grade nicht Hirngespinste und Wunschphantasien. „Die Vision von einem seelischen Kraftfeld“ wird ja für ihn realisiert in Menschen, die beten und tun, was recht ist. Er war so ein Netzwerker. Er sah das fatale Ungleichgewicht zwischen Reich und Arm in der Welt, er geriet voll in die brutalen Machtspiele der Großmächte, er rackerte sich ab in Friedensmissionen, damals in der Suezkrise, im Ungarnaufstand und im Kongo. Dafür bezahlte er sogar mit dem Leben, vor 60 Jahren starb er unter ungeklärten Umständen. Aber was ihn beflügelte, war diese Vision, eine Art globale Gebetsgemeinschaft schon jetzt, global prayership, und das nicht nur in Worten, sondern in Taten. Ein „seelisches Kraftfeld“.

Ein spirituelles Netzwerk – das könnte auch ich gut gebrauchen. Freud und Leid könnten geteilt werden, vor allem wäre ein Ziel da, sogar eine Leidenschaft. Nichts macht ja glücklicher, als sich für andere und anderes einzusetzen und zu verschwenden. Und ein Netz des Vertrauens, das trägt und wo ich mich lassen kann.

Manchmal gehe ich nur in den Gottesdienst, um mich auszuruhen in der Gemeinschaft derer, die beten und singen.  Ich tue nichts, ich lasse mich tragen. Und manchmal inspiriere ich andere, und wir sind gemeinsam unterwegs. Heute spricht man deshalb vom synodalen Weg. Ein seelisches Kraftfeld, ein spirituelles Netzwerk, eine geistliche Weggemeinschaft. Dabei kommt es auf jeden und jede Einzelne an, nur so entsteht die Verknüpfung im Netz, nur so trägt es. Hammarskjöld war solch ein Einzelner, mit Vision und Vorstellungskraft, tief im Gebet und unbestechlich im Kampf für Recht und Frieden, ganz in Verbindung mit Gott und deshalb an der Seite von denen, die unter die Räder gekommen sind oder am Rand leben müssen. Hammarskjölds Tagebuch ist ein großartiges Beispiel für die einfache Wahrheit: alle Weltinnenpolitik fängt bei mir selber an – aber hoffentlich nie ohne Netz, ohne seelisches Kraftfeld. Christen nennen das Gemeinschaft der Glaubenden, kurz: Kirche.

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