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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10JUN2021
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Im letzten Jahr ist meine Welt geschrumpft. Viele Orte habe ich lange nicht besucht. Viele Menschen lange nicht gesehen. Vieles ist abgesagt und verschoben worden, worauf ich mich gefreut hatte. Ich bin zurückgeworfen auf mein näheres Umfeld, meine Wohnung, meine Umgebung. Schön, aber kleiner als vorher. Sie wissen, was ich meine.

Leider sind meine Sorgen und Probleme nicht mit meiner Welt geschrumpft. Was mich vor einem Jahr wachliegen ließ, das beschert mir immer noch unruhige Stunden. Und einige neue Sorgen sind in dieser Zeit dazu gekommen. Manches ist jetzt sogar noch viel präsenter.

Vielleicht liegt das daran, dass manche Ablenkungs- oder Bewältigungsstrategie gerade nicht verfügbar ist. Ich kann die Abende nicht wie gewohnt verplanen. Ich kann nicht einfach mal übers Wochenende wegfahren oder für zwei Wochen was ganz anderes sehen. Die Sorgen im Kino, der Lieblingskneipe oder einem Konzert übertönen oder sie im Kreis meiner Freunde vergessen lassen ist auch immer noch nicht möglich. Da wundert es mich kaum, dass meine Sorgen so viel größer wirken als meine Möglichkeiten. Wie also damit umgehen?

In einem der Gebete der Bibel heißt es: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Die Augen zu den Bergen erheben. Das ist nicht nur ein schönes Bild, sondern eine ganz praktische Hilfestellung. Ich habe leider keine Berge, zu denen ich aufblicken kann, aber mich in den Garten stellen und den Kopf in den Nacken legen, das kann ich. Ich kann den Wolken zusehen, die über den Himmel ziehen, den Vögeln, die ruhig ihre Kreise fliegen, nachts die unglaublich vielen Sterne betrachten. Das nimmt meine Sorgen nicht weg und löst meine Probleme nicht auf, aber es setzt sie ins richtige Verhältnis. Beim Anblick des Himmels, der sich schon immer über unsere Welt spannt, beim Blick auf die Berge, die schon vor Menschengedenken hier aufragten, da werde nicht nur ich kleiner, meine Probleme werden es auch. Aufschauen zu etwas, das größer ist als ich. Mich ins Verhältnis setzen. Das heißt für mich als Christ beten. Dazu gehört auch Worte finden für das, was mich bewegt. Manches zum ersten Mal überhaupt aussprechen. Vor dem, der Berge und Himmel und Erde gemacht hat. Von dem gar kein Wunder kommen muss, sondern der mir sein offenes Ohr leiht. Bei dem ich mein kleines Leben und meine großen Probleme geborgen weiß. Das hilft mir, mich und meine Sorgen im richtigen Licht und in der richtigen Größe zu sehen. Und das ist oft schon der Anfang der Lösung und damit wohl auch eine Gebetserhörung.

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