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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09JUN2021
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Es ist genug da. Genug Nahrungsmittel, so dass niemand hungern muss. Genug Geld, so dass niemand Angst vor dem Lebensabend haben muss. Genug, so dass es immer wieder für einen Besuch beim Italiener oder im Kino reicht. Genug Freunde, so dass niemand am Sonntag alleine sein muss. Genug Zeit, so dass niemand sofort hupt, wenn die Ampel auf grün springt. Genug Verständnis, so dass niemand mit den Augen rollt oder laut wird, wenn doch mal einer vergisst, dass er genug Zeit hat und sich vordrängelt. Genug Liebe, so dass niemand ungeliebt ist. Genug Anstand, so dass man mal eben die Handtasche ablegen kann und sie nachher noch da ist. Genug Mitgefühl, so dass die, die doch nicht von sich aus genug haben, immer genug bekommen. Genug Vertrauen, so dass die, die verwalten und regieren ihre Sache gut machen können. Genug Courage, so dass angesprochen wird, was angesprochen werden muss. Genug Humor, so dass niemand sich selbst zu wichtig nimmt. Genug Demut, so dass niemand sich unter das Ego eines andern ducken muss.

Klingt nicht schlecht, finde ich. Klingt sogar gut. Ja, ich würde gerne in einer Welt leben, in der alle genug haben. Das wünsche ich mir. Wären da nur nicht die Anderen. Die, die nicht nur gerade genug brauchen, sondern immer mehr. Die, die Fernreisen sammeln und Wohnungen. Die, die nicht zum Amt und zum Arzt und zum Einkaufen gehen, sondern hasten. Die, die immer Freiheit rufen und nur ihre eigene meinen. Die, die so wenig vertrauen, dass sie betrügen müssen. Die, die den Hals nicht voll bekommen. Die, die es nicht gut mit mir, aber immer besser mit sich selbst meinen. Ja, daran scheitert es. Daran, dass den Anderen genug nie genug ist.

Und weil es ja an den Anderen liegt, kann ich weiter machen. Weiter sammeln, weiter hasten, weiter gieren, weiter misstrauen, weiter drängeln, weiter verbissen sein, weiter verständnisvoll auf mich und empört auf Andere schauen. Weiter so tun, als wäre ich nicht Teil der Gesellschaft und schon gar nicht Teil des Problems. Wie viele wohl genau so denken? Wie viel Veränderung nie geschieht, weil die Verantwortung auf andere geschoben wird? Wie viel Versöhnung nie passiert, weil ja die Andere den ersten Schritt tun müsste? Wie viel Freundlichkeit verkümmert, weil sie nicht geteilt wird? Wie viele Missstände sich nie ändern, weil ja ein anderer damit anfangen sollte? Ich ahne schon, wo das hier endet: Bei mir. Nicht bei den Anderen. Damit alle genug haben, muss ich bei mir beginnen.

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