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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

07JUN2021
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„Vor meinem Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tod derer, die mir nahe sind“.
Diesen Satz schreibt die Dichterin Mascha Kaléko in ihrem Gedicht Memento. Wenn ich ihn höre geht er mir immer durch Mark und Bein. In vielen Trauergesprächen wurde er ausgesprochen, auf unzähligen Beerdigungen hat er seinen Platz gefunden. Dieser Satz bedeutet mir viel. Er ist so voll von Liebe „Vor meinem Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tod derer, die mir nahe sind“. Am 7. Juni 1907 – heute vor 114 Jahren - wurde Mascha Kaleko geboren. Ihre ersten Lebensjahrzehnte sind schwer gewesen. Sie ist verfolgt worden und schließlich emigriert. Immer wieder musste sie Abschiede verkraften. Auch von geliebten Menschen: Gestorben ist sie 1975 – nach ihrem Sohn, nach ihrem zweiten Ehemann. Diese Abschiede hat Sie auch in ihrem Gedicht memento verarbeitet. Da heißt es weiter:

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nahe sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr sind? …
Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr,
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt, den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.
Dieses Gedicht drückt aus, was viele Menschen fühlen.
Wir leben von und in Beziehungen.

Wenn ich die Beziehung verliere zu denen, die ich liebe, dann wird es schwer weiterzuleben. Leben ohne Beziehungen – für Mascha Kaléko ist das schwerer als der Tod. Auch Jesus wusste das.  Deshalb hat er versucht Beziehungen zu stiften über seinen Tod hinaus. Am Kreuz sagt er mit Blick auf einen der Jünger zu seiner Mutter: „Das ist jetzt dein Sohn.“ Und zum Jünger: „Siehe, deine Mutter“. Jesus stellt neue Beziehungen her, um das Weiterleben zu ermöglichen. Ich glaube genau das ist eine der Aufgaben von uns Christen: Beziehungen zu pflegen und neue zu stiften. Gegen den Abbruch und den Tod, für das Leben und die Liebe. Und: Anderen Beziehung anzubieten, um damit keine leichtfertige, aber doch eine mögliche Antwort zu geben auf die Frage: Wie soll ich weiterleben?

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