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SWR2 Wort zum Tag

11JUN2021
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Kinderarbeit ist immer noch ein großes Problem, zum Beispiel bei der Kakaoernte. Allein in Ghana arbeiten hunderttausende Kinder auf Kakaoplantagen. Doch wer genau ist schuld daran, wenn so viele Kinder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen? Verstrickt in das Problem sind viele: Da sind die Kleinbauern, denen das Geld nicht zum Überleben reicht. Oder die großen Süßwarenhersteller, die riesige Mengen Kakao zu Dumpingpreisen aufkaufen. Hersteller und Supermärkte nehmen am liebsten die Verbraucher in die Pflicht: Wer günstige Schokolade haben will, nimmt eben Kinderarbeit in Kauf.

Weil nicht eindeutig zu klären ist, wer in solchen Fällen verantwortlich ist, nutzt die Theologie den Begriff der „strukturellen Sünde“. Gemeint ist eine Sünde, in die ich verwickelt bin, weil ich mich in Wirtschaftsstrukturen bewege, aus denen ich kaum aussteigen kann. Denn ähnliche Beispiele könnte ich für die Rohstoffe in meinem Smartphone sammeln oder wenn es darum geht, wie meine Kleidung hergestellt wird. Hinter der strukturellen Sünde steht ein komplexes System, das ich als Kunde oft nur wenig beeinflussen kann.

Nun hat die Bundesregierung endlich ein neues Gesetz auf den Weg gebracht, das hier ansetzt. Das Lieferkettengesetz. Die Idee dahinter: Für Unternehmen reicht es nicht mehr, sich hinter der Logik der Weltmärkte zu verstecken. Jedes Unternehmen soll jetzt überprüfen, wo seine Rohstoffe und Vorprodukte herkommen. Wenn zum Beispiel Kinder dafür arbeiten müssen oder die Natur großen Schaden nimmt, kann das Unternehmen verklagt werden.

Für mich ist das Lieferkettengesetz ein großer Schritt zu mehr Gerechtigkeit. Hier unternimmt die Politik endlich etwas, um die Menschenrechte weltweit besser zu schützen. Die Unternehmen und ihre Lobbyisten haben vieles versucht, um dieses Gesetz zu verhindern. Viele Punkte darin wurden entschärft. Und doch ist es ein Anfang. Ich kann als Kunde nur selten überblicken, wann und wie ein Unternehmen davon profitiert, dass Menschen ausgebeutet werden. Bei Schokolade stehen die Chancen noch ganz gut, da sehe ich, was aus dem fairen Handel kommt. Doch es geht auch um Fernseher, Möbel oder Fahrräder. Da weiß ich als Kunde nichts über die Lieferketten. Nur die Politik kann den Rahmen schaffen, um mich aus dieser strukturellen Sünde zu befreien. Darum hoffe ich, dass das Gesetz auch im Wahlkampf für den Bundestag zur Sprache kommt. Hier geht es um Menschenrechte und Umweltschutz weltweit. Wenn Länder wie Deutschland hier faire Regeln einführen, kommt das allen zugute.

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