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SWR4 Abendgedanken

09JUN2021
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In vielen katholischen Gemeinden wird in diesen Wochen das Fest der Firmung gefeiert. Auch dort, wo ich als Priester regelmäßig zu Gottesdiensten bin. Junge Menschen, so um die 15/16 Jahre alt, denken darüber nach, wie Gott sie mit seinem Geist stärkt. Was das bedeutet und ob sie diesem Geist auch in ihrem weiteren Leben Raum geben wollen. Um ihnen bei ihrer Entscheidung zu helfen, führen sie einmal ein ausführliches Gespräch mit einem der Seelsorger. Ich habe auch mitgemacht und war an einem Abend ihr Gesprächspartner. Vier Stunden lang bin ich dabei jungen Frauen und Männern begegnet, von denen einer interessanter war als die andere.

Sie haben mir erzählt, welchen Beruf sie ergreifen wollen, wie sie sich überhaupt ihr Leben nach der Schule vorstellen. Ich habe sie danach gefragt, wie sie in der langen Zeit der Pandemie zurechtkommen. Manche haben schon einen festen Freund; andere noch nicht. Es gab auch Tränen, weil es eine gute Gelegenheit war, endlich das Herz auszuschütten, ein Thema anzusprechen, das schon lange auf der Seele drückt. Um den Glauben und die Kirche ging es natürlich auch. Was die Jungen und Mädchen daran schätzen und was sie stört. Und ich habe gespürt, dass es Punkte gibt, denen sie ausweichen, die sie lieber für sich behalten wollen. Was völlig in Ordnung ist, wichtig sogar, wenn sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln wollen.

Je länger der Abend ging, desto mehr habe ich mich reich beschenkt gefühlt. Weil in allen Gesprächen zunehmend ein Vertrauen zwischen den Jugendlichen und mir entstanden ist. Obwohl die meisten mich gar nicht gekannt haben, sind wir uns in kurzer Zeit nahegekommen. Weil es kein Small-Talk war, sondern ein in die Tiefe gehendes Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Am Ende war mein Gefühl: Was hab ich doch für einen tollen Beruf! Wie offen kann man sprechen, wenn es Vertrauen gibt. Und wie schlimm ist es, wenn solches Vertrauen missbraucht wird, wie in der Kirche oft geschehen. Beim Verabschieden waren die jungen Leute zufrieden. Das konnte ich sehen. Auf ihren Gesichtern war ein bisschen Stolz zu erkennen; darüber, dass sie als Person ernst genommen werden. Und Glück, dass alles gut gegangen ist. Und bei den meisten sogar ein kleines Lächeln. Vertrauen zwischen Menschen kann man sehen. Es macht sie schön.

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