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SWR4 Abendgedanken

08JUN2021
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Das letzte Jahr hat bei vielen von uns dazu geführt, dass sie mehr draußen sind. Spazierengehen ist Mode geworden, viele haben das Fahrradfahren wieder für sich entdeckt. Wenn man nicht verreisen kann, sucht man eben nach Alternativen in der vertrauten Umgebung. Auch dort gibt es immer Neues zu entdecken. Wer Hunde hat wie ich meint jeden Stein zu kennen, wo er wohnt. Schließlich laufe ich tagaus tagein vertraute Strecken. Aber das stimmt nicht ganz. Erst vor kurzem habe ich einen wunderschönen Weg entdeckt. Er liegt etwas verborgen und auf halber Strecke gab’s eine wunderbare Aussicht. Da muss ich noch öfter hin.

Wenn ich erst jetzt diesen neuen Weg entdeckt habe, muss es davon noch mehr geben. Neue Wege, neue Ausblicke. Und dadurch auch einen neuen Blick auf die Dinge, auf die Welt. Was ich neu entdecke, kommt zu dem dazu, was ich schon kenne und weiß. Es verändert meinen Horizont. Und das geschieht eben nicht bloß, wenn ich ein Buch lese oder mich in einem Kurs fortbilde. Es geschieht immer dann, wenn mir Neues begegnet. Womöglich genau dann, wenn ich nicht damit rechne. Und an Orten, die denkbar gewöhnlich sind. Der Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux war schon vor vielen hundert Jahren davon überzeugt und hat es in folgendem Zitat festgehalten: „Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in deinen Büchern. Bäume und Steine werden dich Dinge lehren, die du von keinem Lehrmeister hörst.“ Die Natur als Lehrer. Für den Mönch Bernhard lag dieser Zusammenhang ganz offensichtlich auf der Hand. Als gläubiger Mensch sah er in Gott den Ursprung von allem. Also muss auch in dem, was Gott gemacht hat, alles drin stecken, um die Schöpfung zu verstehen. Dass ein großer Baum schnell gefällt ist, aber Jahrzehnte braucht, um seine stattliche Größe zu erreichen. Dass ein Stein sich nicht erweichen lässt. Und was es deshalb bedeutet, wenn wir sagen: Das ist zum Steinerweichen. Wie schlimm dann ein Unglück sein muss. Dass uns das Klima lehrt, wie auf unserer Welt alles zusammenhängt - die Pflanzen- und Tierwelt, Mensch und Maus - weil alles leidet, wenn das System gestört, gar zerstört wird. Es lohnt sich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wenn dann das, was wir sehen, auch noch Herz und Hirn erreicht, dann werden die neuen Wege auch Neues bewirken.

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