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SWR4 Abendgedanken

07JUN2021
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Das Thema Gerechtigkeit spielt in der Bibel eine große Rolle. Besonders bei den Propheten im Alten Testament. Da geht es häufig um die Frage, ob die einen auf Kosten der anderen leben. Sich also zu viel nehmen, was dazu führt, dass andere nichts oder zu wenig haben, die es genauso bräuchten. Propheten sind Menschen, die einen besonderen Draht zu Gott haben. Sie haben ihr Ohr nahe an seinem Wort und fassen dann selbst in markante Worte, was sie von ihm gehört und verstanden haben. Prägnant und konzentriert lautet ihre Botschaft: Gott will, dass es gerecht in seiner Schöpfung zugeht; und er sorgt auch für Gerechtigkeit.

Ein Beispiel aus dem Buch des Propheten Amos, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Weil zu dieser Zeit die Reichen und Mächtigen in Israel auf Kosten der einfachen Leute leben, droht Amos ihnen den Untergang an. Mit scharfen Worten:

Weh denen, die (…) die Gerechtigkeit zu Boden schlagen!

Ich kenne eure Vergehen und Sünden.

Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab am Tor.[1]

So der Prophet Amos. Diese Selbstsucht wird Gott ihnen nicht durchgehen lassen.

Nun der Sprung in die Gegenwart. Das Thema Impfen wird bei uns kontrovers diskutiert. Viele möchten sich den für sie vermeintlich passenden Impfstoff am liebsten selbst aussuchen. Sie vergessen dabei, dass es Länder gibt, die so gut wie gar keinen Impfstoff haben. Und das auf nicht absehbare Zeit. In einer globalen Welt, in der alles zusammenhängt, ist auch die Frage der Gerechtigkeit global. Jedem Menschen steht das Gleiche zu. Die reichen Länder haben schnell ein Mittel gegen das Virus gefunden. Jetzt müssen wir unsere Ergebnisse und Lizenzen mit den Armen teilen.

Ums Teilen geht es auch im eigenen Land. Wer dem schönen Wort Gerechtigkeit eine reale Gestalt geben will, der denkt jetzt an die Verlierer der Pandemie bei uns: an die Restaurantbesitzer und Einzelhändler, die Künstler und an Familien mit vielen Kindern. Durch sie wird das Leben im Normalfall erst reich und schön. Darauf freuen wir uns, wenn der Spuk vorbei sein wird. Und auch deshalb sollten wir sie jetzt unterstützen. 

Heute wird die Priorisierung beim Impfen in Deutschland aufgehoben. Jeder kann sich jetzt einen Termin besorgen. Denken wir dann an die, die sich nicht selbst helfen können! Nicht zuletzt um Gottes Gerechtigkeit willen. Die Logik des Amos ist fast dreitausend Jahre alt. Sie gilt bis heute: Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben.[2]

 

[1] vgl. Amos 5,7.12

[2] Amos 5,14a

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33221