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SWR2 Wort zum Tag

04MAI2021
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Seit einiger Zeit habe ich es mir angewöhnt, den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Erst danach geht’s ans Zähneputzen. Ich stehe auf dem Balkon, danke Gott dafür, dass ich leben darf – das ist ja in diesen Zeiten alles andere als selbstverständlich – und bete dann für die Menschen und Angelegenheiten, die mir am Herzen liegen.

Ich habe festgestellt, dass mein Morgengebet ein wohltuender Auftakt für den Tag ist, wie eine Atempause, in der ich mich – zwischen Nachtschlaf und morgendlicher manchmal hektischer Betriebsamkeit – auf den Tag einstellen kann. Mein Gebet ist wie der Moment, in dem der Dirigent den Taktstock hebt und einen Augenblick wartet, bevor er das Signal gibt, dass die Musik beginnen darf.

Ich kann mir vorstellen, dass diesen Start in den Tag auch Menschen ausprobieren können, die gar nicht an Gott glauben. Eine Atempause am Morgen kann jeder Mensch gebrauchen. Es kommt lediglich darauf an, dass man sich bewusst ausrichtet auf einen Tag und sich dafür eine Atempause gönnt, einen Moment des Innehaltens. Wer nicht an Gott glaubt, mag die spirituelle Ausrichtung aussparen. Mir tut sie gut. Ich nehme gern das Geschenk eines Tages aus Gottes Hand entgegen.

Wenn mich jemand bei meinem morgendlichen Ritual auf dem Balkon beobachten sollte, fände er es womöglich merkwürdig, dass ich die Arme weit ausbreite. Ich kombiniere nämlich mein Morgengebet damit, ganz bewusst tief einzuatmen und meine Lungen mit der frischen Morgenluft zu füllen. Eine Ärztin hat mir einmal erklärt, es täte den verklebten Lungenbläschen gut, wenn man sie mindestens einmal am Tag auf diese Art und Weise auslüftet und entfaltet. Ich denke dabei auch an den schönen Gedanken des Alten Testaments, dass Gott dem Menschen den Atem des Lebens in die Nase bläst und ihn so belebt. Im Menschen atmet damit der Hauch Gottes. Wenn ich bete, so stelle ich es mir vor, bringe ich die Luft zwischen mir und Gott ins Schwingen. So entsteht, nach einer Atempause, eine morgendliche Musik der ganz besonderen Art, ein göttlicher Klang. Wenn es gut geht, erfüllt dies meinen ganzen Tag.

Manchmal, wenn die Luft dick wird, erinnere ich mich an dieses morgendliche Ritual. Und ich nehme mich für einen Augenblick, eine Atempause, heraus aus der Dynamik und richte mich neu aus. Auf den Tag, auf Gott, auf mich, und auf die Menschen, die, wie ich, von Gottes Atem beseelt sind.

Einen schwungvollen und klingenden Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche.

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