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SWR1 Begegnungen

04APR2021
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…und mit dem Theologen und Autor Dr. Gotthard Fuchs. Priester und Publizist, so stellt ihn eine katholische Zeitschrift vor, für die er regelmäßig schreibt. Unzählige Beiträge zur christlichen Spiritualität und Mystik hat Gotthard Fuchs mittlerweile verfasst für Zeitungen, Zeitschriften und auch fürs Radio. Mit ihm habe ich über Ostern gesprochen, das höchste und wichtigste Fest der Christenheit. Christinnen und Christen feiern heute weltweit, dass Jesus vom Tod auferstanden ist und dass Leiden und Tod darum nicht das letzte Wort sind. Doch so eine richtige Osterfreude will sich in diesem Jahr bei Vielen einfach nicht einstellen.

 

Ich glaub wir müssen stärker unterscheiden zwischen dem Ostern, das das Auferstehungsfest Jesu ist und dem Ostern, das unser Auferstehungsfest sein wird. Wir feiern ja Ostern nicht unsere eigene Auferstehung. Wir hängen noch voll in der Warteschleife und noch so im Durcheinander von Glück und Unglück und von Gelingen und Scheitern … und jetzt erst recht. Also wir feiern, dass seine Botschaft von einem Gott der treu ist, dass auf sie wirklich Verlass ist. Was wir haben ist die Verheißung, eine Hoffnung, die begründet ist. Und die ganze Jesusgeschichte lebt davon, dass Menschen zu der Überzeugung kommen: Auf das kannst du dich verlassen im Leben und im Sterben.

 

Leben und Sterben. Vielen von uns ist das in den vergangenen Monaten bedrückend nahe gerückt, und Hunderttausende haben es auch leidvoll am eigenen Leib erfahren. Für Gotthard Fuchs hat die Pandemie uns darum auch mit ein paar ganz existentiellen Fragen konfrontiert.

 

Das ist ja vielleicht der tiefste Schock von Corona, dass wir auf einmal merken, wir sind verdammt begrenzt. Unser Leben unsere Möglichkeiten sind fantastisch und zugleich sind sie eben … in einen endlichen Rahmen eingebunden. Das ist ne große Lektion. Endlich Mensch werden, könnte man sagen. End-lich im doppelten Sinn.

 

Eine Situation jedenfalls, die verunsichert, die das bisher gewohnte Leben vielfach in Frage stellt. Doch was, will ich von ihm wissen, kann uns in einer solchen Situation ein christliches Fest wie Ostern dann sagen?

 

Dass wir uns nicht verrückt machen lassen. Dass wir alles nur Menschenmögliche tun, um die Sache in den Griff zu kriegen und zu bewältigen. Das ist unsere Pflicht. Dass wir uns nicht auf einen lieben Gott rausreden, sei es, dass der straft oder dass er etwas wegzaubert, das ist alles Aberglaube letztlich. Aber Gelassenheit im Sinne entschiedener Gelassenheit. Dass wir wissen, wenn wir alles getan haben, was wir tun können, dann gibt’s immer noch einen Grund, auf den wir uns beziehen dürfen, der größer ist als wir. Ein positives Hoffnungszeichen.

 

Eine begründete Hoffnung also, wie Gotthard Fuchs das ausdrückt. Eine, die sich auch im Angesicht der Krise nicht kleinkriegen lässt. Was die Mitte des Osterglaubens für ihn ausmacht, das sagt er gleich.

 

TEIL 2

 

… ich spreche mit Gotthard Fuchs, Theologe und geistlicher Autor, der sich intensiv mit Fragen christlicher Spiritualität und Mystik beschäftigt hat. Mir fällt auf, dass in Krisenzeiten wie dieser auch die Frage nach Gott öfter als sonst auftaucht. Warum lässt er das zu? Wo ist er jetzt eigentlich? Warum tut er nichts?

 

Also wenn ich das in christlicher Perspektive buchstabiere, dann taucht ja immer auch die Gestalt Jesu mit auf. Und da ist ja herausfordernd, dass in den Überlieferungen von Jesus gerade die Krisenzeiten, die Widerstände, die Schwierigkeiten, die Auseinandersetzungen, das Leiden, also das, was normalerweise ausgeblendet wird, in den Mittelpunkt gestellt wird. Und darin sehe ich eine Stärke des christlichen, überhaupt des biblischen Gottesglaubens. Also nicht irgendein Strahlemann-Gott, sondern einer der in den realen Geschichten sich zeigt als der, der hindurchführt.

 

Christlich an Gott glauben bedeutet also vor allem, an einen Gott zu glauben, der auch in meinen Abgründen bei mir ist. Das klingt zumindest mal wie ein Hoffnungsimpuls des christlichen Glaubens in dieser Situation.

 

Also die gegenwärtige Lage zwingt natürlich dazu neu zu prüfen, was ist eigentlich am Christlichen dran und was ist der Kick am Osterglauben? Und da würde ich eben sagen: Das erste ist, dass das ganze Ausmaß von Leiden und Gewalt, was unter uns faktisch immer schon herrscht, nicht ausgeblendet wird, es kommt auf den Tisch. Und das andere, dass diese Leidens- und Gewaltgeschichte im Sinne von Liebe und Friedensstiftung bewältigt wurde und wir damit einen Durchbruch schon hinter uns haben, auf den wir uns beziehen können. Dass ist der Grund unserer Hoffnung.

 

Hunderttausendfach haben Menschen in Italien im letzten Frühjahr einen Spruch in ihre Fenster gehängt: „Andrà tutto bene“, Alles wird gut. Ein Satz, der sich ganz am Anfang der Bibel findet und auch an ihrem Ende. Könnte das so etwas wie eine Kurzformel für das sein, was wir Ostern feiern?

 

In diesem „Alles wird wieder gut“ steckt einfach eine unbändige Hoffnung, dass das Gute doch das letzte Wort behält. Also wenn ich als Summe des Osterglaubens formulieren würde: Wir sind als Menschen auf Erden in christlicher Perspektive, um zu lernen uns lieben zu lassen und zu lieben, dann wäre das wie ein ungeheurer Zugewinn an Humanisierung und würde uns einladen, dass wir schauen, wo ist Lieblosigkeit, wo ist Ungerechtigkeit, wo ist brutaler Egoismus, wo herrscht die Gier vor und ein Machtstreben auf Kosten anderer? Und wo geschieht sowas wie Gerechtigkeit, wie Mitmenschlichkeit, wie Empathie, wie Mitleiden und so fort.  Sich vergeben lassen und vergeben können. Wenn wir das leben und wo wir das leben sieht die Welt anders aus, als sie faktisch ist. Das ist die Mitte von Ostern.

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