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SWR2 Lied zum Sonntag

28MRZ2021
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Heute ist Palmsonntag. Christen erinnern sich an diesem Tag daran, wie Jesus nach Jerusalem gekommen ist. Die Menschen haben ihn wie einen König begrüßt und ihm mit Palmblättern zugejubelt.
Von Jesus als einem König singt auch das heutige Lied zum Sonntag. Doch der Text spannt den Bogen weiter, wie auch die Liturgie des Palmsonntages – hin zum Karfreitag, zu Jesus am Kreuz:

Der König siegt, sein Banner glänzt,
geheimnisvoll erstrahlt das Kreuz,
an dessen Balken ausgereckt
im Fleisch des Fleisches Schöpfer hängt.

(Musik 1)

 

Der Text des Liedes ist uralt. Fortunatus, ein Dichter aus Norditalien, hat ihn bereits im 6. Jahrhundert verfasst. Der Sprache und den Bildern merkt man das an: „Der König siegt, sein Banner glänzt“ oder wie es im lateinischen Original heißt: „Vexilla regis prodeunt“.

„Vexillum“ bezeichnet damals das Zeichen, das nach einem Kampf auf dem Schlachtfeld aufgestellt wird. Meist war das ein Holzpfahl, den der Sieger in den Boden gerammt hat – genau an der Stelle, an der der Feind die Flucht ergriffen hat. Ans obere Ende kam ein Querholz, um Waffen und Rüstungen, die man erbeutet hatte, aufzuhängen. Für alle war dann sichtbar, wer gesiegt hat.

Wenn Fortunatus den Begriff „vexillum“ nutzt, so macht er allein durch die Wortwahl klar: Christus ist der König, der zwar am Kreuz gestorben ist, der letztlich aber den Kampf gewonnen hat. Er hat den Tod besiegt.

Vexilla regis prodeunt
fulget crucis mysterio …

(Musik 2)

 

Das Kreuz – eigentlich ein Folterinstrument – wird zum Zeichen des Sieges. Eindrücklich vertont das Anton Bruckner. Er nutzt die alte phrygische Kirchentonart und verbindet so die schmerzlich-klagende Stimmung der Tonart mit dem Bild des siegreichen Königs. Karfreitag und Ostern erklingen in einem.

Wenn ich Bruckners Vertonung höre, dann fasziniert mich, dass ich nie sicher vorhersehen kann, wie die Musik sich entwickeln wird. Welche harmonische Wendung kommt.
Den Freunden Jesu ging es damals vermutlich ähnlich. Sie haben wohl kaum geahnt, dass Jesus, der gerade von der Menge bejubelt wurde, kurz darauf verspottet wird und stirbt. Und auch nicht, dass er ganz am Ende aufersteht.

Auch für mich als Theologin ist das schwer zu verstehen. Und dennoch entdecke ich in den biblischen Texten, in Gebeten oder Liedern immer wieder Neues, das mir hilft, das Ende von Jesus besser zu begreifen.

Im heutigen Lied zum Sonntag hilft mir das Bild des Baumes. Denn der zweite Teil des Liedes besingt das Kreuz als Lebensbaum. Dort heißt es: „O edler Baum in hehrem Glanz, … du werter, du erwählter Stamm.“

O edler Baum in hehrem Glanz,
von königlichem Purpur rot,
du werter, du erwählter Stamm,
du trägst den Lösepreis der Welt.

 

(Musik 1)

 

Das tote Holz, aus dem das Kreuz gemacht ist, wird lebendig. Es wird zum Lebensbaum und zum Hoffnungszeichen. Dieses Bild ermutigt mich, auch in aussichtslosen Situationen die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich hoffe, dass das Leben sich am Ende durchsetzen wird.

Die grünen Buchszweige, die ich heute an mein Kreuz in der Wohnung stecke, erinnern mich das ganze Jahr über genau an diese Hoffnung.

(Musik 3)

 

Komponisten

T: nach „vexilla regis prodeunt“ des Venantius Fortunatus (†nach 600)

M: Münster 1846 nach „vexilla regis prodeunt“ 13.Jh.

 

Quelle:

Aufnahme 1:

Der König siegt, sein Banner glänzt.

Motette für vierstimmigen gemischten Chor a cappella

Usmanova, Kamilla; Maiworm, Thomas

Höndgen, Frank; Collegium Monacense St. Michael München

 

Aufnahme 2:

Vexilla regis prodeunt. Motette

4 Motetten Bruckner, Anton

Camerata Vocalis der Universität Tübingen;

Sumski, Alexander

 

Aufnahme 3:

Vexilla regis prodeunt,

Hymnus für Klavier

Liszt, Franz

Klavierabend Martin Helmchen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32868