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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24FEB2021
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Unsere Demokratie versagt, sagen Pessimisten. Sie behaupten, die Krise wird schlecht gemanagt. Die einen verlangen klare, einheitliche Regeln, andere mehr Freiheiten. Und es gibt Optimisten, wie die Autorin Andrea Seibel, die behauptet: „Man spürt die Vibrationen einer neuen, besseren Zeit.(*) Unsere Demokratie sei widerstandsfähig. „wie der Markt und die Natur. Sie kann sich wehren, ...“ ist Seibel überzeugt. Sie sagt, wir erleben „derzeit eine Demokratisierung, um nachhaltiger und wehrhafter zu werden.“ Bürger wollen informiert sein, sie engagieren sich, sie gründen Initiativen.

Gerne wäre ich so zuversichtlich wie Andrea Seibel. Aber so sicher bin ich da nicht, weil ich in der Pandemie Gewinner und Verlierer sehe. Die Schere geht weiter auseinander. Einige werden durch die Krise reicher, die anderen werden ärmer oder sind in ihrer Existenz bedroht. Sie brauchen Unterstützung.

Dieses Jahr sind Landtagswahlen und ist die Bundestagswahl. Mehrheiten entscheiden über die zukünftigen Regierungen. Ich werde die Partei wählen, von der ich glaube, dass sie die vernünftigsten Vorschläge macht. Davon lebt die parlamentarische Demokratie. Zu den Parlamenten kommen Gerichte und andere Behörden. Sie garantieren uns, dass auch in Krisen kein Chaos ausbricht. Dass Gesetze und Regeln für alle gleich gelten. Dabei ist sicher nicht alles perfekt. Vorschläge, wie man es besser machen kann, sind erwünscht. Ich weiß: Politik und die Institutionen allein garantieren nicht eine neue, bessere Zeit. Aber bisher haben wir es geschafft, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht. Die meisten haben in der Pandemie vernünftig reagiert und sich an Regeln gehalten, um sich und andere zu schützen. Das stimmt mich optimistisch. Ich glaube, wichtig ist, dass wir das Gefühl nicht verlieren,nicht nur für uns selbst, sondern auch für alle anderen mit-verantwortlich zu sein.

Ich finde, Querdenker und Scharfmacher, die versuchen die Bürger in die Irre zu führen, sind jetzt nicht hilfreich. Christlich ist, dass die Starken die Schwachen stützen und die Reichen mit den Armen teilen. Wer Hilfe braucht, darf in einer Demokratie erwarten, dass er Unterstützung bekommt. Dafür zahle ich gerne meine Steuern. Als Christ bin ich hoffnungsloser Optimist. Ich glaube und bete dafür, dass wir es schaffen, solidarisch zusammenzuhalten. Die Demokratie ist dafür die beste mir bekannte Gesellschaftsform. Sie ist in einer Bewährungsprobe. Die Meinungen gehen immer weiter auseinander. Deshalb gehört zur Demokratie auch die Bereitschaft, sich immer wieder mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen.

* (vgl. Welt am Sonntag 26. Januar 2020 Andrea Seibel „Das Ende vom Ende“ 10 Gründe optimistisch zu sein)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32656