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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23FEB2021
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Der schwedische Arzt Hans Rosling hat gesagt: „Eine Situation kann man erst richtig einschätzen, wenn man die Fakten kennt.“ Als Forscher hat er über mehrere Jahrzehnte alle möglichen Zahlen und Daten für die Weltgesundheitsorganisation gesammelt. Ich erfahre zum Beispiel bei ihm, dass sich weltweit die Anzahl der Gitarren pro Kopf unglaublich vervielfacht hat. In den letzten Jahrzehnten um das 55-fache! Aber warum interessiert sich ein Arzt für Gitarren?

Rosling hat gegen Kindersterblichkeit gekämpft. Er sagt: „Hören Sie aufmerksam hin. Hören Sie ein Kind, das Gitarre oder Klavier spielt? Dieses Kind … freut sich … seines Lebens und genießt die Freiheit, Musik zu machen.“ Für ihn waren Diagramme und Statistiken keine trockene Materie. Sie zeigen Entwicklungen. Gute Dinge, die sich ständig verbessern. Zum Beispiel können immer mehr Menschen Lesen und Schreiben. Weltweit steigt die Anzahl der Naturschutzgebiete. Und Roslings absteigende Kurven zeigen schlechte Dinge, die weniger werden, wie Kindersterblichkeit, Kinderarbeit oder der Anteil unterernährter Menschen. Bei all diesen positiven Entwicklungen fragt der Arzt: „Wie kann jemand behaupten, dass die Zustände auf der Welt schlimmer werden?“

Als Forscher in Afrika und Asien hat Rosling seine eigenen Vorurteile korrigiert: für die Arbeit einer Hebamme sind dort nicht eine noch bessere Ausbildung, bessere Medikamente oder Apparate wichtig, sondern schlicht und ergreifend - eine funktionierende Taschenlampe. Die hilft, dass sie nachts nicht auf Schlangen tritt. Der Medizinprofessor hat aus seinen Erfahrungen gefolgert: Menschen sind viel zu pessimistisch, lieben dramatische Nachrichten und übersehen deshalb systematisch einfache Lösungen und hoffnungsvolle Fakten. Die Corona-Pandemie hat uns um ein paar Jahre zurückgeworfen, aber „wer positive Trends ignoriert und an einer dramatischen Weltsicht festhält, hat nicht nur schlechtere Laune, sondern verpasst auch Chancen.“ Er findet nicht die richtige Strategie, um die Krise dort zu bewältigen, wo sie gerade ausbricht oder am schlimmsten ist. Rosling hat gegen Halbwissen und gefühlte Wahrheiten gekämpft. Er hat versucht, veraltete Weltbilder zu korrigieren. Er hat nur auf fundierte Fakten gesetzt(*). Daten sozusagen als Therapie. Das beeindruckt mich. Keine Propaganda mit halben Wahrheiten, Fake News oder Verschwörungstheorien ohne Beweise. Bevor ich mir ein Urteil über etwas bilde, versuche ich die nachprüfbaren Fakten zu kennen.

(*) Hans Rosling / Anna Rosling Rönnlund / Ola Rosling: „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“, Berlin 2018

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