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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22FEB2021
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Die Lilien duften so stark, das erfüllt die ganze Kapelle. Sie gehören zu einem wunderschönen Blumenstrauß mit Rosen und Efeu und Blaubeerästchen, der jetzt auf dem Altar der Krankenhauskirche steht.

Ursprünglich hatte eine Patientin ihn bekommen. Die brauchte ihn auch. Als Zeichen der Anteilnahme und als Mutmacher. Eine junge Frau, braungebrannt, hübsch anzusehen, eine lebhafte, fröhliche Person. Bis sie die Diagnose bekommen hat.Dann wusste sie, dass sie das Ende dieses Jahres nicht mehr erleben wird. Im ersten Schock wollte sie mit niemandem darüber reden.  Erst recht nicht mit der Seelsorgerin.

Dabei war klar, dass sie außer ihrer Krankheit noch einige andere Baustellen hatte: ein pflegebedürftiger Vater und drei schulpflichtige Kinder brauchten ihre Unterstützung. Es war unendlich viel zu regeln, bevor sie sich voll ihren eigenen Schwierigkeiten widmen konnte.

Aber sprechen wollte sie nicht und auch sonst schien sie keinerlei Unterstützung für diese desolate Situation zu suchen.  Auch bei meinem zweiten Besuch wehrte sie ab: sie brauche keinen außer ihrer Familie und ihren Freunden.  Am Tag ihrer Entlassung ging ich nochmal kurz bei ihr vorbei. Ich wollte ihr viel Glück wünschen für den Weg, den sie zu gehen hatte.                  

Da stand dann der tolle Blumenstrauß. Er erfüllte das Krankenzimmer mit seinem Duft  und ich regte an, dass sie den doch mit nach Hause nehmen solle. Auch wenn der Aberglaube sagt, dass man Blumen aus dem Krankenhaus nicht mit nach Hause nimmt. Jetzt verblüffte sie mich. Die Patientin, die niemanden zum Reden braucht, die nicht das Gebet sucht und nie in die Kapelle gegangen ist, weil sie der Kirche so kritisch gegenüber steht. Die sagt jetzt  „meine Blumen bleiben auf jeden Fall hier. Und Sie sind doch die Seelsorgerin. Nehmen Sie sie mit in die Kapelle.“

Wir hatten kein Wort über Gott gesprochen. Aber sicher war er in diesem Moment nicht weit weg.

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