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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

09FEB2021
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Diese Verse lassen mich einfach nicht mehr los. Sie stehen in der Bibel im Lukas-Evangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Puh…! Ich denke mir: ‚Wie geht es einer Person, die ihren Vater vor allem als abwesend und unangenehm erfahren hat?‘ Oder wie ist es mit Menschen, auf die kaum mal jemand Rücksicht genommen hat und mit denen andere unbarmherzig umgegangen sind? Gilt für die solch ein Vers aus der Bibel nicht?

Wie sieht das bei mir selbst aus? Mit meiner Einstellung? Bedeutet da ‚Barmherzig-Sein‘, dass ich möglichst oft ‚klein beigeben soll‘? Nachgeben und mich selbst zurücknehmen als Lebensprinzip? Das kann es doch nicht sein! Wenn andere ungerecht behandelt werden, wenn Unwahres gesagt wird, dann muss doch für Gerechtigkeit gesorgt werden. Dann muss ich mich doch zur Wehr setzen. Dann ist es doch meine Pflicht, genau hinzuschauen, Hilfe anzubieten oder Unterstützung zu holen. Dann ist es mitunter auch notwendig, zu strafen.

Eine Person, die anderen schadet, muss zur Rechenschaft gezogen werden. Barmherzigkeit scheint da eher fehl am Platz. Falsch wäre es aber, Barmherzigkeit mit Schwäche zu verwechseln. Wenn jemand barmherzig ist, dann ist er vielmehr stark. Er (oder sie) versucht nämlich mal einen Perspektivwechsel. Versucht zum Beispiel, sich als Erwachsener mal in ein Kind hinein zu versetzen, das soeben einem anderen etwas weggenommen hat.

Bei Barmherzigkeit geht es nicht nur und auch nicht in erster Linie darum, eine Strafe zu umgehen, sozusagen ‚Gnade vor Recht walten zu lassen‘.

Barmherzigkeit ist zuallererst eine Frage der inneren Haltung. Bin ich bereit, auf Augenhöhe zu sein mit der anderen Person, die sich schuldig gemacht hat? Habe ich Respekt vor ihr? Versuche ich – trotz allem - wert-schätzend zu sein? Barmherzigkeit bedeutet dann, dass der eine wie die andere spüren: Wir sind beides Menschen. Mit Freiheit und mit Verantwortung.

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