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SWR2 Wort zum Tag

14JAN2021
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Wahrscheinlich sind auch bei Ihnen in den letzten Wochen Neuigkeiten angekommen. Man hat Neujahrsgrüße und Weihnachtskarten ausgetauscht oder telefoniert. Was man da erfährt, ist oft überraschend – und sorgt manchmal für Diskussionsstoff: Was, Pia macht jetzt Karriere? Die war eigentlich eine ganz Schüchterne! Wie, Katrin und Jakob haben sich getrennt? Das war doch alles so harmonisch bei denen! Oh, der Peter hat aber jetzt schnell abgebaut – das hätte man nicht gedacht, so sportlich, wie der immer war!

Auch wenn solche Kommentare nicht für die Ohren der Betroffenen bestimmt sind – gut tun sie eigentlich niemanden. Denn sie zeigen, wie sehr wir an Bildern von anderen festhalten, die wir uns einmal gemacht haben. Dabei möchte wohl niemand ständig an etwas gemessen werden, das schon lange nicht mehr zutrifft.

Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es in der Bibel über Gott. Gemeint war ursprünglich tatsächlich ein Standbild, dass Gott sichtbar und greifbar macht und ihn auf eine bestimmte Gestalt festlegt. Ich finde: Das Gebot, sich kein Bildnis zu machen, ist auch im Hinblick auf Menschen sinnvoll. Nicht umsonst sagt die Bibel, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist. Auch mein Bild von einem Menschen sollte deshalb nicht holzschnittartig sein – und erst recht nicht in Stein gemeißelt. Denn Menschen sind nuancenreich – und verändern sich, solange sie leben.

Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb die Begegnungen mit Jesus für viele Menschen so inspirierend waren: Weil er kein fertiges Bild von ihnen hatte, sondern Möglichkeiten in ihnen gesehen hat. In den einfachen Fischern zum Beispiel, die er quasi vom Boot geholt und zu seinen Botschaftern gemacht hat – zu Menschen, die von Gottes Liebe erzählen.

Der Schriftsteller George Bernard Shaw hat es mal so gesagt: Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.

Besuche beim Schneider sind heute eine seltene Erfahrung. Aber es bleibt wichtig, finde ich, dass wir alle uns genauso vernünftig benehmen wie Shaws Schneider. Nicht an den Bildern hängenbleiben, die wir uns einmal gemacht haben. Sondern einander die Chance geben, uns bei jeder Begegnung neu kennen zu lernen.

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