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SWR2 Wort zum Tag

13JAN2021
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Ich bekomme oft Post mit dem Aufkleber »klimaneutral«. Ich fahre Zug und lese, ich sei in diesem Zug „klimaneutral“ unterwegs. Ich benutze 2021 einen, wie es im Einband heißt „klimaneutralen Kalender“ – gefertigt aus „Papier aus verantwortungsvollen Quellen“.

Ich stutze bei so viel »Klimaneutralität«.Bei allen Anstrengungen für den Klimaschutz, die wichtig sind, kommt es mir doch so vor, als würde sich mit dem Etikett »klimaneutral« derzeit noch anderes verbinden. Nicht nur, dass ich motiviert werden soll, etwas mehr zu zahlen, wenn dieses oder jenes Produkt als »klimaneutral« gilt.

Wer durch seine Lebensweise den CO2 Ausstoß befördert – heißt es – wird mitschuldig am Klimawandel. Es geht also auch um Schuld – und in religiöser Sprache um Sünde.  Wer eine Klimasünde begeht, wird zum Klimasünder.

Ich fürchte, die proklamierte Klimaneutralität versteckt und verheimlicht hier manches. Denn sind meine Postsendungen wirklich ganz CO2 frei entstanden? Und ist der Transportweg bis zu meinem Briefkasten CO2 frei? Unvorstellbar. Das Gleiche gilt für Schienen, Triebwagen und Waggons der Bahn. Und werden in Städten, die sich als »klimaneutral« bezeichnen wollen, in Zukunft nur noch Menschen wohnen, die nicht mehr reisen und auch keine Lebensmittel aus anderen Ländern verzehren? Von Häusern, die dort gebaut werden und Autos, die dort verkehren – ganz zu schweigen. Ich finde, solcher Etikettenschwindel schadet dem Klimaschutz.
Dagegen gibt es eine Medizin: Ehrlichkeit.

Für Martin Luther war solche Ehrlichkeit des Menschen gegen sich selbst grundlegend. Er hat es so auf den Punkt gebracht: Menschen sind „zugleich Gerechte und Sünder“. Mit anderen Worten: Wir sind unvollkommene, fehlerhafte und auf Gnade angewiesene Wesen – und gerade als solche von Gott angenommen, nämlich gerecht vor Gott.

Wer darum weiß, finde ich, muss sich nicht aufblähen oder übertreiben – auch nicht mit seinen Leistungen im Klimaschutz.

Wer sich und Andere so erlebt – nämlich als zugleich Gerechte und Sünder – der ist ein Stück weit vor Heuchelei und Scheinheiligkeit geschützt.
Heißt konkret: Ich muss mir nicht vormachen, ich würde »klimaneutral« existieren.

Das geht nämlich gar nicht. Aber das geht: Sich Ziele setzen und etwas zum Klimaschutz beitragen, also CO2 Verbrauch reduzieren, gerne auch durch recycelte Briefumschläge.

Einen Beitrag leisten – um nicht mehr und nicht weniger geht es – ohne Übertreibung und Heuchelei. Wo das geschieht, überzeugt und animiert mich das.

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