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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16DEZ2020
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Drei Tote beim Attentat in Nizza und über 140 Tote im Mittelmeer. Am gleichen Tag. Die einen mutmaßlich von einem islamistischen Terroristen erstochen. Die anderen, ertrunken, weil ihr Schiff vor der Küste Senegals verunglückt ist. Alles am gleichen Tag, dem 29. Oktober diesen Jahres. Die einen werden öffentlich betrauert, kommen in den Abendnachrichten. Die anderen werden in einer Randnotiz erwähnt.

Es ist absolut ungehörig, den Tod von Menschen miteinander zu vergleichen. Jeder einzelne Tote ist eine Tragödie, zumal wenn die Umstände grausam sind. Das trifft hier auf beide Umstände zu. Aber es hat mir in diesem Fall weh getan, dass die ertrunkenen Geflüchteten beinahe übersehen worden sind. Zu weit weg. Keine eigenen Leute. Nicht in Europa. Ja, die Brisanz und Bedeutung von Nachrichten folgt ihren eigenen Gesetzen. Das weiß ich. Und halte dem entgegen: Aber der Mensch bleibt immer gleich, jeder einzelne. Und was ich unbedingt vermeiden will, dass ein Toter mehr Bedeutung hat als ein anderer, das geschieht auf diese Weise unentwegt.

Es ist mir deshalb ein echtes Herzensanliegen, das hier immer wieder zu thematisieren. Dass es für einen Christen unerträglich ist, dass es mir körperlich weh tut, wenn ich die Bilder von den Ertrunkenen sehe. Sie haben keine Lobby. Sie sind für uns namenlos und ohne Chance. Es gibt Bürger unseres Landes, die ihnen Böses unterstellen, die mit ihnen nichts zu tun haben wollen. Aber die Geflüchteten sind Menschen. Sie haben die gleiche Würde wie ich. Sie haben das gleiche Recht auf ein gutes Leben und den Zugang zu allem, was sie am nötigsten brauchen. Sie sind - und hier geht es ans Eingemachte meines Glaubens - sie sind Ebenbilder Gottes. Auf jedem ihrer Gesichter zeigt sich etwas von Gott und seinem Glanz. Wenn einer von ihnen stirbt, stirbt mit ihnen etwas von Gott in unserer Welt. Wie mit den Hunderten von Toten, die derzeit jeden Tag an Corona sterben, allein in Deutschland.

Warum ich darüber heute spreche, im Advent, so kurz vor Weihnachten? Weil Christen an Weihnachten genau daran denken und das feiern: Gott wird Mensch in seinem Sohn Jesus. Und seitdem in jedem einzelnen Menschenkind.

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