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SWR4 Abendgedanken

07DEZ2020
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Wie großartig! Ich lebe in einem Land, in dem die meisten Menschen besonnen und vernünftig reagieren. Die letzte Umfrage zu den Corona-Maßnahmen hat gezeigt: Eine deutliche Mehrheit findet die Kontaktbeschränkungen noch immer richtig; ebenso, dass Gastronomie und andere Einrichtungen geschlossen bleiben.[1]

Umso mehr empört mich aber diese Tatsache: dass Menschen sich Christen nennen und offen und teils aggressiv gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren und das Virus verharmlosen. „Christen im Widerstand“ heißt eine besonders extrem agierende Gruppierung.[2]Die Initiatoren nennen ihre Bewegung tatsächlich in einem Atemzug mit Dietrich Bonhoeffer und Graf von Stauffenberg. Das erschreckt mich zutiefst. Was für eine Verdrehung der Geschichte! Und auch das passt für mich nicht zu einer christlichen Haltung: Der Initiator der Bewegung, ein Berliner Pfarrer, missbraucht Gott für seine Interessen. Er sagt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Dieses Bibelzitat ist an sich gut und wichtig. Weil es auffordert zu prüfen:  Sind wir Menschen noch auf dem richtigen Weg? Dazu braucht es aber Verständigung und Austausch mit vielen anderen. Dabei müssen christliche Werte wie Solidarität und Nächstenliebe ebenso eine Rolle spielen wie wissenschaftliche Erkenntnisse. Wer sich als Pfarrer aber allzu vollmundig auf Gottes Willen beruft und gegen eine demokratisch gewählte Regierung hetzt, dem traue ich nicht. Mehr noch: Das ist gefährlich. Denn hier löst sich eine Grenze auf. Die Grenze zwischen Religion und Ideologie. Und das macht ein Gespräch auf Augenhöhe schwierig. Da kann ich mich als Christin nur klar abgrenzen.

Um den Willen Gottes zu verstehen, ist es am besten sich an Jesus Christus zu orientieren. Die Bibel erzählt von einem, der jede weltliche Macht von sich weist; von einem, der demütig ist und nie seinen eigenen Vorteil sucht. Und vor allem: Jesus begegnet den Menschen auf Augenhöhe, er lebt mit und er leidet mit. Und das Entscheidende: Es ging ihm bei allem immer um ein besseres Leben für die Menschen am Rand. Arme, Unterdrückte, Kranke, Ausgestoßene. Er war solidarisch mit ihnen. Und genau das sind weder Christen im Widerstand noch sonstige Maskenverweigerer! Sie sind unsolidarisch! Und das mit so vielen: mit der lungentransplantierten Frau, die ihre Wohnung nicht mehr verlässt ebenso wie mit dem Gastwirt, der um seine Existenz fürchtet. Unsolidarisch mit den Kindern, die ganz schön was auf sich nehmen müssen, unsolidarisch mit jeder Familie, die einen Menschen durch Corona verliert.  

Wer mit seiner Haltung und seinem Handeln so eklatant Jesus widerspricht, der kann sich nicht auf Gott oder christliche Werte berufen. Und deshalb bin ich der Überzeugung: Christen können keine Corona-Leugner sein. Und Corona-Leugner keine Christen.

 

[1]Vgl. ZDF-Politbarometer vom 27.11.2020; https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/videos/politbarometer-corona-massnahmen-112.html

[2]Vgl. Beten gegen die Corona-Politik - ZDFmediathek

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32162