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SWR2 Wort zum Tag

27NOV2020
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Rücksicht nehmen ist wichtig. Das habe ich schon als Kind gelernt. Das ist nicht immer einfach, aber meistens gelingt mir das. Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich zu wenig auf das achte, was andere bewegt. Und dass ich manchmal gar nicht damit rechne, dass da jemand ist, dem ich vielleicht unrecht tue.

Ein Beispiel. Gerade ist »Hexen hexen«neuverfilmt worden. Ein Roman des britischen Schriftstellers Roald Dahl. Im Mittelpunkt steht ein kleiner Junge, der die Hexen bei ihrer Konferenz belauscht. So kriegt er mit, dass sie alle Kinder in Mäuse verwandeln wollen. Natürlich verhindert der Junge in einer turbulenten Geschichte den Plan der Hexen. Die Verfilmung arbeitet mit allen technischen Tricks, um die Hexen in ihrer ganzen Bosheit zu zeigten. Sicher: Auf den ersten Blick sehen die Filmhexen ganz normal aus. Aber unter ihrer normalen Oberfläche lauert ihr wahres Ich. Wenn die Oberhexe ihre schicken Handschuhe auszieht, dann kommen an jeder Hand drei klauenartige Finger zum Vorschein.

So weit, so gruselig. Was ich nicht wusste: Es gibt eine sehr seltene Krankheit an die die Hexenklauen erinnern. Sie heißt Ektrodaktylie, Spalthand. Grund ist ein Gendefekt. Anlässlich der Verfilmung haben sich nun betroffene Menschen und Verbände zusammengetan. Sie kritisieren, wie die Hexe dargestellt wird. Kritisieren, dass ihre Krankheit mit der bösen Hexe zusammengedacht wird.

Ich kann den Protest verstehen. Es gibt nämlich eine jahrtausendealte Tradition, in der Krankheit nicht von Erregern oder Mutationen ausgelöst wird, sondern mit Schuld und Bosheit verbunden wird. Wer von der Normalität abweicht, das Denken gibt es in vielen Kulturen, der kann nicht gut sein. Der ist böse. Oder schlimmer noch: Krankheit oder Behinderung werden als göttliche Strafe gedeutet. Was natürlich Unfug ist.

Dass sich Menschen gegen dieses Denken wehren, ist richtig. Mehr noch: Sie haben ein Recht darauf, als gleichwertige Mitmenschen akzeptiert zu werden. Ein Recht darauf, dass Aussehen oder Krankheit keine Rolle spielen. Ein Recht darauf, dass auch auf sie Rücksicht genommen wird. Eigentlich bleibt vor allem das: Immer wieder darauf zu achten, immer wieder sensibel zu sein, wo zum Beispiel körperliche Andersheit zum Thema wird.

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