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SWR2 Wort zum Tag

24NOV2020
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Nach meinem Studium habe ich für achteinhalb Monate in Syrien gelebt. Einmal ist es vorgekommen, dass ich tagsüber vor einem verschlossenen Geschäft stand. Durch die Glasscheibe der Tür konnte ich dann sehen, wie der Inhaber vor der Ladentheke auf seinem ausgerollten Gebetsteppich gebetet hat. Dieser Anblick hat mich sehr berührt.

Ähnlich ist es mir ergangen, als ich eine Moschee besichtigt habe. Wenn gerade kein allgemeines Gebet ist, geht es in größeren Moscheen oft recht lebhaft zu. In einer Ecke sitzen einige Männer im Kreis und üben, den Koran richtig zu rezitieren. An verschiedenen Orten stehen oder sitzen ein paar Leute zusammen und unterhalten sich, während Kinder umherrennen und Fangen spielen.

Und irgendwo mittendrin steht ein höchstens zwölf Jahre alter Junge und betet. Andächtig und in sich gekehrt führt er seine nach vorne geöffneten Hände auf Höhe seiner Ohren, so ähnlich als würde er lauschen, dann legt er die rechte Hand über die linke vor dem Körper auf seinen Bauch. Mit dieser Geste bricht der Betende die Verbindung zur Außenwelt ab und konzentriert sich ganz auf Gott. Der Junge betet still für sich, so dass ich nur seine Bewegungen sehen kann. Nach einer kurzen Weile neigt er seinen Oberkörper waagerecht nach vorne und legt seine Hände auf die Knie. In dieser Haltung verharrt er für einen Moment, bevor er sich wiederaufrichtet. Dann sinkt er auf die Knie, beugt sich nach vorne und berührt mit Stirn, Nase und Händen den Boden. Anschließend setzt er sich auf, bevor er sich noch einmal niederwirft.

Natürlich weiß ich nicht, was tatsächlich in dem Jungen vorgeht, aber der Ernst und die Ruhe, die er ausstrahlt, beeindrucken mich.

Milad, mein muslimischer Studienfreund, hat mir einmal erzählt, wie erhebend es für ihn ist, morgens nach dem Aufstehen so vor seinen Schöpfer zu treten. Mehrfach haben Muslime mir gesagt, wie wichtig es ihnen ist, dass sie beim Gebet aufrecht vor Gott stehen. Nur wer aufrecht steht, kann sich niederwerfen. Und wer sich niederwirft, vertraut darauf, von Gott wieder aufgerichtet zu werden.

Diese Gedanken finde ich schön. Ja, manchmal beneide ich die Muslime um ihr Gebet. Ich muss kein Muslim werden, um diese verschiedenen Aspekte auch in mein Gebet integrieren zu können. Aber ich muss dafür eine Form finden, die ihnen schon vorgegeben ist. Muslime beten zu sehen und von ihnen zu erfahren, was sie beim Beten empfinden, inspiriert mich. Es lässt mich neu nachdenken: Mit welcher äußeren und auch inneren Haltung betest du?

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