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SWR2 Lied zum Sonntag

22NOV2020
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Mozart: Ave verum (Anfang);  

Der Ton der Streicher entsteht wie aus dem Nichts. Langsam schwebt die Melodie nach oben: Ave verum. Wie erhebend das ist! Ich erwarte etwas Großartiges, das durch die Chorstimmen bestätigt wird. Und die Musik von Mozart unterstreicht es: Wenn ich mit Jesus in Verbindung komme, macht mich das zu einem anderen Menschen.

Thomas von Aquin hat den Ave-verum-Hymnus für Fronleichnam gedichtet. Seine Dichtung setzt da an, wo ich als einzelner mit Jesus in Verbindung komme, wenn ich das Abendmahlsbrot esse. „Ave verum corpus natum de Maria Virgine“ – „Sei gegrüßt, wahrer Leib, von der Jungfrau Maria geboren“. Mit diesen Worten richte ich mich an Jesus. Nicht nur im Geist und im Denken, sondern körperlich, wenn ich das Abendmahlsbrot kaue, esse und schmecke. Mein Glaube betrifft eben nicht nur meine geistige Existenz, sondern alles, was ich erlebe. Auch die Erfahrungen, die ich mache, weil ich einen Körper habe. Weil ich nicht nur geistig bin, sondern einen Leib habe, gehöre ich zu einer Familie aus Fleisch und Blut. Weil ich einen Leib habe, kann ich Körperliches empfinden, wenn ich mich beim Sport auspowere, aber auch, wenn mir jemand zärtlich die Wange streichelt. Diese Zärtlichkeit kommt für mich auch in dem „Ave verum“ zum Klingen, das Edward Elgar komponiert hat.

Ave verum (Elgar)

Das „Ave verum“ bleibt allerdings nicht bei diesen angenehmen Seiten von Körperlichkeit stehen. Ich lese in dem Text auch, dass Jesus leiden und sterben musste. Dass auch ich gebrechlich bin und eines Tages sterben muss. Selten ist das so gegenwärtig wie in diesem Jahr mit Corona.

Deshalb ist das „Ave verum“ für mich gerade ein besonderer Trost. Ich habe es schon immer gerne im November gehört, wenn ich an die Toten denke. Wenn ich das „Ave verum“ höre, ist mir bewusst: Mein Leben ist fragil und endlich. Darüber kann ich verzweifeln und trauern. Aber der Text des „Ave verum“ zeigt mir eine Alternative. Ich kann diese Zerbrechlichkeit und den Tod auch wie eine Prüfung sehen. Im Text ist die Rede von „mortis examine“. Eine Prüfung, bei der ich entscheide: Kann ich mich in die Hände Gottes fallen lassen? Dann könnte ich nämlich darauf vertrauen, dass all das Schöne, das ich hier als Mensch aus Fleisch und Blut erlebe, ein Vorgeschmack ist für das Gute, das noch kommen wird.

Mozart: (ab) esto nobis… 

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