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SWR1 Begegnungen

22NOV2020
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Elana Mannheim Copyright: "Tanztherapie nach Krebs"

Wolf-Dieter Steinmann trifft Elana Mannheim, Tanztherapeutin aus Freiburg. In Seminaren begleitet sie Mütter und Töchter, die nah erleben: Leben ist endlich und vielleicht auch ewig.

Das kostbare Leben tanzen

Sie will, dass Frauen wieder Boden unter die Füße bekommen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Beim Tanzen. Da kann das gelingen, nachdem eine Krebserkrankung das Leben erschüttert hat. Und ganze Familien durcheinandergebracht.
Elana Mannheim ist Tanztherapeutin. Mit ihren Kolleginnen bietet sie Seminare an für Mütter und Töchter. Tanzen wirkt:

Emotionen, die sonst vielleicht keinen Platz haben, wie Wut, und sei es auch einfach nur die Wut auf diese Erkrankung, oder Ängste, dass sie eine andere Form erhalten.
Ich glaube, meine älteste Teilnehmerin war 86, die dann auch so ganz nett gesagt hat: „Wenn ich das mal 50 Jahre früher gelernt hätte, wäre mir Einiges erspart geblieben.“

Tanzen bringt sie zusammen. Alte und Junge. Frauen, die als „geheilt“ gelten, und auch Frauen, deren Leben ein zweites Mal erschüttert worden ist. Manchmal ist das sogar gut:

Zumal ich auch die Erfahrung gemacht habe, dass Frauen, die ein Rezidiv durchlebt haben, den frisch Betroffenen zeigen können: ich lebe und ich tanze meinen Tanz mit dem Leben.

Und alle wissen, mein Leben ist endlich. Und darum so kostbar. Vielleicht begreift man das am besten, wenn man ganz zu sich kommt im Hier und Jetzt. Momente von Ewigkeit erlebt. Dann lässt sich auch leichter reden über den Tod.

Dieses Damoklesschwert, das ist im Raum. Es ist gut, hör ich immer wieder, dass es eben diesen Ort gibt, wo das auch geäußert werden kann.  Erst wenn wir diese Schwere erfahren und zulassen und durchdringen mit der eigenen Bewegung, dann ist auch wirklich eine Leichtigkeit erfahrbar.

Erleichterung sollen auch die Töchter erleben können. Elana Mannheim weiß, Angehörige stehen oft im Schatten der Betroffenen. Dabei wollen die Töchter raus in ein eigenes Leben. Und dann fängt die Krankheit auch sie ein.

Die strengen sich in der Regel unheimlich an, um super zu sein, um der Mutter nicht noch mehr Kummer, Ärger, Ängste zu bereiten. Haben aber selber unglaubliche Ängste um das Leben, um die Gesundheit der Mutter.

Ich weiß, für solche Themen muss man Innehalten. Im Alltag nimmt man sich dafür selten die Zeit. Sie hat mit anderen Frauen 2008 darum einen Verein gegründet, der Betroffenen diese Zeit geben kann. Sonst:

Entsteht dann so etwas wie ein Kommunikationsvakuum, was wir versuchen, auch aufzulösen und anschließend darüber zu sprechen.

Letztendlich geht es dann auch darum, herauszufinden, wo können wir gemeinsam auf unserem Lebensweg in der Familie diese Freude auch miteinander leben und teilen.

Sie ist froh, dass ihr Verein auch Müttern und Töchtern Tanztherapie ermöglichen kann, die sich das sonst nicht leisten könnten. Und Männer und Söhne, kommen die auch?

Also wir werden immer wieder grade auch von den Töchtern angesprochen, dass gerade der Bruder das dringend gebrauchen könnte. Und der Vater sowieso auch. Aber der Schritt dahin ist einfach noch ein bisschen weit.

Elana Mannheim ist mittendrin, immer wieder konfrontiert mit ernsten Themen.

Damit die Seele nachkommen kann

Elana Mannheim weiß, das Leben kann ins Wanken geraten. Seit 25 Jahren arbeitet sie in der Krebstherapie. Seit 12 Jahren hilft sie als Tanztherapeutin, Frauen wieder Boden zu finden. Wie kann man das? Schweres aushalten. Anscheinend bekommt sie in der Begegnung mit den Frauen viel zurück.

Energie bekomme ich einfach dadurch, dass ich sehe, dass es den Teilnehmerinnen sehr sehr viel leichter geht. Ich persönlich brauche auch immer wieder dieses Auftanken oder dieses Leerwerden, und mir selber hilft das Tanzen.

Leerwerden. Loswerden im Tanz. Mir fällt ein: So haben religiöse Lehrer immer schon beschrieben, was sie beim Meditieren erleben. Wenn Gott so nahekommt, wird man leichter. Hat nicht mehr so viel Angst um sich selber.

Heller werden auf jeden Fall. Manchmal ist es auch so, dass Tanzen wie ein Gebet ist. Wo so in diesem Dialog wir auch wie Kontakt aufnehmen können zu dem, was sonst eigentlich nicht greifbar ist.

Elana Mannheim erlebt bei den Frauen in ihren Seminaren weniger Angst vor dem Tod.

Es ist viel mehr Angst da vor dem Sterben, vor dem schwer Kranksein und auch Angehörige damit belasten und das nicht wollen. Angst vor dieser Ungewissheit, die ist vor allen Dingen da.

Ja. Da hilft vermutlich, wenn Menschen da sind, die zu einem halten, die Gott gewissermaßen ihre Hände und Füße leihen.
Sie hält sich zurück beim Thema Religion. Aber eins ist ihr auch wichtig. Tanztherapie ist kein esoterischer Höhenflug. Boden finden im Leben, das ist es.

Was mir wichtig ist zu betonen, dass wir ganz viel mit dem Kontakt zum Boden arbeiten. Dass das Hand und Fuß hat. Der Tanz lebt nur im Augenblick. Wir können uns nur im hier und jetzt spüren. Und das ist etwas, was sehr hilft. Hier und jetzt bin ich, hier und jetzt tanze ich, hier und jetzt atme ich und ich lebe.

Atmen ist leben und Leben ist atmen. Ich verbinde das mit meinem Glauben an Gott. Er haucht dem Menschen das Leben ein, glaube ich. Und wenn wir den Atem aushauchen, ist es zu Ende. Und ich glaube, so kehren wir zurück zu Gott.
Einen Glauben zu haben, hilft, erlebt auch Elana Mannheim.

Ich stelle das auch immer wieder fest, dass Menschen, die einen Glauben haben, welchen auch immer, sehr viel besser mit der Erkrankung und den Belastungen umgehen können als andere.

Musik kann auch guttun, sich zu versöhnen mit meiner Endlichkeit. Ich höre bestimmt nachher welche an diesem Totensonntag. Grönemeyer oder Eric Clapton oder so. Vielleicht hören Sie ja Ihre Musik, die Ihnen die Seele nährt, so wie Elana Mannheim das Tanzen.

Da hat mir eine Teilnehmerin mal gesagt: ‚Es ist mit dem Tanzen so wie wenn die Seele zurückkommt.‘ So was ist für mich die Tanztherapie: Wo die Seele nachkommen darf.

Mehr über den Verein von Elana Mannheim finden Sie unter:

www.tanztherapie-nach-krebs.de

Informationen zu den Seminaren für Mütter mit Töchtern
http://www.tanztherapie-nach-krebs.de/muetter-mit-toechtern.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32083