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SWR1 3vor8

22NOV2020
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Viele wünschen sich eine Art Weltgericht, wo jeder für das, was er tut, zur Rechenschaft gezogen wird. Einige hätten da vermutlich wenig zu lachen: Trump, Kim Jong-Un oder auch eine Bekannte, die mir gerade auf die Nerven geht.

In der Bibel ist von so einem Weltgericht tatsächlich die Rede. Heute ist der Text in den katholischen Gottesdiensten zu hören und darin sagt Jesus, dass ganz am Ende der Zeiten die Menschen in zwei Gruppen getrennt werden: die einen werden bestraft, ja sogar verflucht, die anderen belohnt. Sie bekommen einen Platz im Himmel. Unterschieden wird danach, wie man im Lauf des Lebens mit seinen Mitmenschen umgegangen ist. Und Jesus listet da direkt auch ein paar Beispiele auf: nämlich den Hungernden zu essen geben, Fremde aufnehmen und sich um Kranke kümmern. Wer das nicht tut, für den sieht es echt nicht gut aus.
Jesus ist an dieser Stelle ganz klar, aber als Drohung verstehe ich es nicht. Auch wenn dieses Bild vom Weltgericht in der Kirchengeschichte oft missbraucht wurde, um Menschen Angst zu machen oder klein zu halten. Das war verkehrt. Genauso verkehrt wäre es aber, den Text so lange weichzuspülen, bis er harmlos wird.

Der ehemalige Bischof Franz Kamphaus hat das einmal auf die Spitze getrieben, und zwar so: „Stellen Sie sich einmal vor, Jesus habe gesagt: Da war ein Mann, der war hungrig und ihr habt ihm zu essen gegeben… Das war ganz nett, aber ihr hättet es auch bleiben lassen können.“ Oder wenn ihr dem Hungrigen „nichts zu essen gegeben (hättet) … Nun ja, ist auch nicht so schlimm (…) Kommt her und lasst euch alle umarmen. Was immer ihr getan habt, es spielt keine Rolle.“[1]

Mir macht diese Zuspitzung klar, worum es geht: Gott nimmt mich ernst. Es ist eben nicht egal, wie ich lebe. Ich bin verantwortlich für das, was ich tue. Und Jesus verlangt von mir, dass ich nicht nur für mich da bin, sondern auch das Wohl der anderen um mich herum im Blick haben soll. Ganz egal, ob sie mir sympathisch sind oder nicht.

Sicher hat auch Jesus gewusst, dass das kein Mensch perfekt schaffen kann. Niemand handelt immer gut und richtig – das war auch damals bei Jesus nicht anders. Doch er fordert, dass ich es versuche. Immer wieder. Und dass ich mich nicht zurückziehe – sei es aus Angst, zu versagen oder von anderen schief angeschaut zu werden. Denn das Potenzial gut zu handeln, haben alle!

Den entscheidenden Hinweis darauf entdecke ich in dem Text, der in der Bibel direkt vor dieser Weltgerichtsstelle steht. Da geht es um Talente. Die werden zwar unterschiedlich verteilt, aber kein Mensch geht leer aus. Und deshalb sind alle, und ganz besonders ich selbst dazu aufgefordert, das Gute, das in mir drinsteckt zu nutzen und anderen zugutekommen zu lassen – sooft es nur geht.

 

[1]Franz Kamphaus, „Lichtblicke – Jahreslesebuch“, Herder Verlag 2001, S. 222.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32082