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Anstöße sonn- und feiertags

22NOV2020
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Heute ist ein stiller Tag. Totensonntag, oder manche sagen auch Ewigkeitssonntag. Seit Tagen haben Menschen auf den Friedhöfen die Gräber der Verstorbenen geschmückt. Oft treffen sich an diesem Tag Hinterbliebene und Trauernde, besuchen miteinander die Gräber und beim Kaffee hinterher denken sie an die, die jetzt nicht mehr dabei sind. In diesem Jahr ist das so kaum möglich. Aber immerhin: In evangelischen Gottesdiensten wird am Totensonntag an die Menschen erinnert, die in den letzten zwölf Monaten gestorben sind.

So wie Christines Vater. Deshalb will auch Christine heute in den Gottesdienst gehen. Sie findet: Es tut gut, dort in der Bank zu sitzen, mit Menschen, denen es genauso geht wie ihr, die ebenfalls jemanden verloren haben.

Aber ein bisschen mulmig ist ihr trotzdem zu Mute. Sie weiß: Die Pfarrerin wird nachher für jeden Verstorbenen eine Kerze anzünden, auch für ihren Vater. Und dann wird sein Name vorgelesen. Schon wenn Christine daran denkt, hat sie einen Kloß im Hals. Weil plötzlich wieder die ganzen Erinnerungen an ihn wach werden und er ihr noch mehr fehlt als sonst.

Aber irgendwie ist es auch schön, dass der Name ihres Vaters noch einmal genannt wird. So würdig. Es zeigt: Auch, wenn er nicht mehr lebt, ist er noch lange nicht vergessen. Er ist es wert, dass man sich an ihn erinnert.

So in etwa hatte es die Pfarrerin auch auf seiner Beerdigung gesagt. Damals hat sie einen Satz aus der Bibel vorgelesen, der Christine in Erinnerung geblieben ist, nämlich: Gott spricht: Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir. (Jes 43,1)

Die Vorstellung, dass Gott den Namen ihres Vaters ruft, gefällt Christine. Es bedeutet ja, dass Gott sich an ihn erinnert. Selbst wenn eines Tages niemand mehr da ist, der den Namen ihres Vaters sagt oder an ihn denkt: In Gottes Erinnerung ist er aufgehoben – bis in alle Ewigkeit. Bei Gott ist kein Mensch jemals vergessen. Christines Vater nicht. Und sie selbst auch nicht, wenn es einmal so weit ist.

Diese Hoffnung tröstet Christine und macht die Trauer ein kleines bisschen leichter. Und vielleicht wird auch der Gottesdienst heute dabei helfen, wieder ein Stück mehr nach vorne zu schauen. Sie kann darauf vertrauen, dass ihr Vater bei Gott gut aufgehoben ist. Er kennt alle mit Namen. Die Toten – und die Lebenden auch.

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