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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26OKT2020
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Zum Geburtstag bekommt man Blumen. Manchmal Rosen, auch jetzt im Oktober. An geschützten Stellen blühen sie ja sogar noch vereinzelt. Auf meinem Balkon zum Beispiel. Da habe ich schon seit Jahren einen Busch mit gelben Rosen. Im Sommer blüht er über und über. Und jetzt im Herbst hat er immer noch einzelne Blüten. Mein Rosenbusch blüht, auch wenn nur ich ihn sehe und ihn nicht in irgendeinem Park Hunderte bewundern.

Angelus Silesius, ein Dichter vor fast 400 Jahren hat  über Rosen ein Gedicht geschrieben.
„Die Rose ist ohne Warum. Sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet“ so fängt es an.

Der Dichter hat von Rosen gesprochen. Aber ich glaube, er hat uns Menschen gemeint. Und die Rosen als Beispiel. Wir müssen nicht auf Absicht und Wirkung hinleben. Sondern, ob in der Öffentlichkeit oder im Verborgenen, unserer von Gott gedachten Bestimmung nachleben. Wer gut reden kann, der soll es tun. Wer es nicht so gut kann, der muss nicht traurig sein. Er kann sicher etwas anderes: gut kochen vielleicht und anderen damit guttun. Oder mit Geduld Ordnung halten, wo andere Chaos anrichten. Fröhlich mit Kindern sein. Oder originelle Geschenke ausdenken. Jeder und Jede hat Fähigkeiten und Begabungen. Man muss nicht immer fragen: „Was sagen andere dazu?“ Nein! Man kann seine Begabungen ausleben: Wie die Rosen eben: die blühen, weil sie blühen.

Eigentlich erzieht man uns ja ganz anders. Wir werden gelobt und belohnt, wenn wir etwas gut machen. So lernen wir von Anfang an: Ich muss zeigen, was ich kann. Und ich bin enttäuscht, wenn es übersehen wird, was ich geleistet habe. Später lernen wir: „Klappern gehört zum Handwerk!“ Wenn man etwas geschafft hat, dann muss man auch davon reden, damit alle es bemerken. Wer sich nicht in Szene setzen kann, der wird zum Mauerblümchen, sagt man.

Ich glaube, von den Rosen kann man lernen. Sie blühen ohne warum. Sie tun es einfach. Wenn Rosen Menschen wären, würde ich sagen: Was für ein Selbstbewusstsein! Aber vielleicht ist Selbstbewusstsein sowieso nicht das richtige Wort. Vielleicht müsste man sagen: Gottvertrauen. Vertrauen zu Gott. Der hat durch den Mund seines Propheten gesagt: „Du bist in meinen Augen wert geachtet und herrlich und ich habe dich lieb“ (Jes 43, 4)

Sich darauf zu verlassen ist möglicherweise für den einen oder die andere altmodisch. Aber es befreit vom Druck und macht glücklich.  Nicht nur Geburtstagskinder.

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