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SWR3 Gedanken

12OKT2020
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Daniel war im Sommer Klettern in den Alpen. Während er die Berge hinaufgekraxelt ist, hat er immer wieder in unsere Freundesgruppe Bilder gepostet. Als er das Bild vom Gipfelkreuz in die Gruppe schickt, kommt ein Kommentar von Philipp: „Pack das Handy weg, Junge!“ und dahinter als Emoji ein erhobener Zeigefinger. Philipp will ihn damit ermahnen: „Schön, dass du uns mit den ganzen Bildern an deiner Wanderung teilhaben lässt, aber diesen Gipfelmoment brauchst du nicht zu teilen.“

Im ersten Moment habe ich den Kommentar ziemlich fies gefunden. Daniel soll doch selbst entscheiden, was er da oben macht. Auf der anderen Seite ist es auch aufmerksam von Philipp. Er weist seinen Freund darauf hin, dass er vielleicht gerade etwas Wichtiges verpasst. Wenn Daniel nach schwierigen Stellen im Klettersteig endlich da oben am Gipfel ankommt und er sofort losfotografiert und postet, dann ist er in Gedanken gleich schon wieder wo anders. Schade bei dem Panorama. Mir geht es jedenfalls so, dass ich so einem Moment am intensivsten erlebe, wenn ich nichts mache, außer gucken, atmen und die fantastische Aussicht genießen.

Für so einen Gipfelmoment braucht’s noch nicht mal einen Dreitausender. Das zufriedene Gefühl, wenn ich nach langer Zeit mal endlich wieder Laufen war, tut‘s auch, oder wenn ich das Radio voll aufdrehe, weil mich ein Lied so richtig packt.

Ich glaube, in solchen Momenten bekomme ich etwas geschenkt. Davon habe ich auch später noch etwas, wenn die Aussicht mal wieder nicht so rosig ist oder wenn es mir gerade nicht so gut geht. So ein Moment da oben auf dem Gipfel kann mir dafür Kraft geben. Mindestens eine Minute oder ein paar tiefe Atemzüge gehören mir da ganz alleine. So lange brauche ich nämlich, bis ich das Bild in mir drin abgespeichert habe – im Kopf und im Herz.

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