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SWR2 Wort zum Tag

09OKT2020
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„Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag, danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag“ – ich vermute mal, nicht nur mir hat sich die Melodie dieses Ohrwurms eingeprägt. Geschrieben 1961 von Martin Gotthardt Schneider, die Musik stammt auch von ihm. Und wenn ein Pfarrer in den sechziger Jahren modern sein und die Herzen der jungen Menschen erobern wollte, nahm er seine Gitarre zur Hand und knödelte los.

Wie habe ich damals – mit 15 /16 Jahren - diese Darbietungen von meinem ganzen pubertären Herzen verachtet. Das Lied schien mir nicht besser als „O du schöner Westerwald“. Denn es ging voll vorbei an dem, was mich damals beschäftigte, nämlich: Demos gegen die Erhöhung der Straßenbahnpreise zu einer Zeit, wo wirklich jeder noch stolz auf sein Auto war. Die Idee des Konsumverzichts zu einer Zeit, als Fernsehapparate noch Luxus waren. Die Lebensmittelverschwendung zu einer Zeit, als uns eine Verkäuferin am Abend die nicht mehr ganz frischen Tomaten schenkte und zwar heimlich, denn das verstieß gegen die Hygienevorschriften. 

„Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück, Danke, für alles Frohe, Helle und für die Musik.“ Jimi Hendrix, die Beatles und die Stones waren da sicherlich kann ich nicht mitgemeint. Und die Napalmbomben im Vietnamkrieg standen im krassen Widerspruch zum „Danke, dass in der Fern und Nähe du die Menschen liebst“.  Wie konnte dieser Typ so etwas nur dichten?

Hätte ich damals ein bisschen nachgedacht, hätte ich das vielleicht auch verstanden. Martin Gotthardt Schneider war Jahrgang 1930. Als er so alt war wie wir, war nichts selbstverständlich von dem, woran wir uns schon gewöhnt hatten: Arbeit, Essen, Musik, Konsum, kleines Glück.      

Das alles ist ein halbes Jahrhundert her. Und es bleibt erfreulich, dass heute der Nahverkehr gefördert, Lebensmittelverschwendung allmählich geächtet und laut darüber nachgedacht wird, dass man das zehnte T -Shirt nicht unbedingt im Kleiderschrank hängen haben muss. Und wenn man eines im Älterwerden lernt, dann vielleicht Danke sagen, weil man weiß, dass es nichts Selbstverständliches gibt. Darum „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“

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